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Alles umsonst?

35 Jahre Förderung benachteiligter Jugendlicher

Oldenburg

Pressemitteilung: Gerhard Harms, Carl von Ossirtzky- Universität Oldenburg

uni_oldenburg

Investitionen in Milliardenhöhe und alles umsonst – das ist, ökonomisch ausgedrückt, das Fazit einer Dissertation am Institut für Pädagogik der Universität Oldenburg, die Förderungsmaßnahmen für benachteiligte Jugendliche beim Übergang von der Schule in den Beruf in Niedersachsen seit 1970 untersucht. „Die Berufsbildenden Schulen sind mit dem Auftrag, die Defizite aus der familiären und schulischen Sozialisation dieser Jugendlichen zu kompensieren, überfordert“, so der Autor Wilhelm Leeker. Und auch die Maßnahmen der Jugendsozialarbeit zur Berufsvorbereitung seien, wo sie nicht ganz ins Leere liefen, oft nicht mehr als reine Beschäftigungstherapie.

Für seine breit angelegte empirische Untersuchung hat Leeker (77), der selbst 26 Jahre lang Leiter der Berufsbildenden Schulen II in Emden und ehrenamtlicher Leiter einer Jugendwerkstatt war, alle an den Förderungsmaßnahmen beteiligten Gruppen befragt: ehemalige und aktive BerufsschullehrerInnen, SchulleiterInnen, LeiterInnen von Jugendwerkstätten, AusbilderInnen und TeilnehmerInnen in Jugendwerkstätten sowie ehemalige und jetzige SchülerInnen des Berufsvorbereitungsjahres (BVJ) in ganz Niedersachsen. Ergänzt wurde die Untersuchung durch Expertenbefragungen u. a. bei den Niedersächsischen Handwerkskammern und der Industrie- und Handelskammer.

1970 wurde die Vollzeitbeschulung in Versuchsform zunächst in Salzgitter, Stade und Emden eingeführt und 1980 das BVJ landesweit. Die Maßnahmen richten sich an leistungsschwächere Jugendliche, die nach der Beendigung oder dem Abbruch der allgemeinbildenden Schule nicht in der Lage waren bzw. sind, eine Berufsausbildung zu beginnen oder erfolgreich zu Ende zu führen.

Seit der Einführung der Fördermaßnahmen, so ein Fazit der Untersuchung, haben sich die Rahmenbedingungen für die jugendlichen Risikogruppen vor allem durch höhere Anforderungen in den Ausbildungen, aber auch durch gesellschaftliche Veränderungen wie die rapide gestiegene Jugendarbeitslosigkeit verschlechtert. Nach Meinung der befragten LehrerInnen erreichen nur gut 12 Prozent ihrer SchülerInnen den Abschluss eines „Vollberufes“, und das nur in wenigen Berufsfeldern und mit sinkender Tendenz. In der Anfangszeit der Vollzeitbeschulungen waren es bis zu 55 Prozent.

Zu den Betroffenen gehören neben benachteiligten Deutschen vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund, besonders aus der Türkei und Russland. „Die ursprünglichen Zielsetzungen der Maßnahmen bezogen sich auf eine eher günstige gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage“, so Leeker, „heute gehören die betroffenen Jugendlichen zu den sogenannten ‚Modernisierungsverlierern'“. Um ihnen wirklich zu helfen, müsse die bisherige Konzeption der Benachteiligtenförderung radikal überdacht werden.

Leeker schlägt ein Präventionskonzept vor, das auf einem frühzeitigen Beginn des Lernens schon im Kindergarten aufbaut. Dabei plädiert der Pädagoge für die Einführung der Gemeinschaftsschule nach dem Vorbild anderer europäischer Länder bis zum 9. Schuljahr. Um „Maßnahmen-Karrieren“ und die Herausbildung von Parallelgesellschaften zu verhindern, sei es erforderlich, die Separierung benachteiligter SchülerInnen in Zukunft zu verhindern. Die deutsche Misere im schulischen wie sozialpädagogischen Umgang mit den benachteiligten Jugendlichen sei hausgemacht, so Leeker. In Finnland mit seinem Gemeinschaftsschulsystem und einer entsprechenden finanziellen Ausstattung erreichen 99,7 Prozent der Schüler einen Schulabschluss. Die PISA-Studien bescheinigten hingegen dem deutschen Schulwesen eine „Versagerquote“ von 21 bis 24 Prozent.

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Webtipp: >> www.uni-oldenburg.de

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