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CSR und Wirtschaftsethik im Gespräch

Interview mit Bestsellerautor Klaus Werner

17. Juni 2008

Fotos: © Ethiker und Klaus Werner

ETHIKER- INTERVIEW am 05. Juni 2008 mit Klaus Werner in der Hochschule Zittau Görlitz:

Herr Werner, während der Lektüre ihres Buches „Schwarzbuch Markenfirmen“ entstehen Gefühle von ambivalenter Qualität. Man schwankt zwischen der impliziten Behauptung, schon das eine oder andere gehört- mindestens jedoch geahnt zu haben und merkt doch ob der Dichte der Fakten aus Ihren Recherchen eine in sich aufsteigende Wut.

Sie haben im zweiten Teil ihres Buches schon viele Möglichkeiten der Einflussnahme als Privatperson aufgezeigt; Stichwort: der bewusste und kritische Konsument. Deswegen ist der Charakter des folgenden Interviews eher konzeptioneller Art. Die Fragen werden auf eine bestimmte Metadimension des Buches abzielen und auf die Schlüsse, die sie persönlich aus ihrer Recherche ziehen.

Ich möchte mit der Frage beginnen, ob sie die beschriebenen Praktiken genannter Firmen im Buch auch verstehen können als ein temporäres Phänomen bezüglich etablierten Wirtschaftsgebarens hinsichtlich des Übergangs von einzelwirtschaftlichem Handeln hin zu globalem Handeln. Etwas salopp: Glauben sie, dass die Globalisierungsbewegung erst noch erwachsen werden muss?

Nein, sie sprechen hier zwei verschiedene Sachen an. Das, was die Konzerne machen, ist einfach das, was immer schon gemacht wurde im Kapitalismus, nur der hat sich jetzt globalisiert und globalisiert heißt, es gibt keine Grenzen mehr – weder räumliche, noch zeitliche noch logistische – es ist alles schneller – und mit Hilfe des Internets- ist es anonymer geworden. Es gibt keine globalen Regeln.

Was sich globalisieren müsste, wären globale Mindeststandards. Was jedoch geschieht ist die Globalisierung des Kapitalismus. Das, was da jetzt auf globaler Ebene geschieht, hat es strukturell immer schon gegeben – nur jetzt eben global und verdichtet und es sind immer weniger, die davon profitieren und immer mehr, die darunter leiden.

Da möchte ich gleich die Frage anschließen: Halten sie Wirtschaftsgebaren unter ethischen Standards überhaupt für möglich oder ist das eine ideologisch verbrämte Utopie?

Nein, selbstverständlich: Wirtschaft kommt von Werte schaffen und selbstverständlich ist es möglich, auf ethische Weise Werte zu schaffen, wenn man es wirklich tut. Was nicht möglich ist, was sich nicht verträgt, ist die kapitalistische Marktwirtschaft mit der Schaffung von gesellschaftlichen, humanen und ökologischen Werten, da in der kapitalistischen Marktwirtschaft ein Ziel über allen steht und alle anderen Werte diesem hierarchisch unterliegen: das Erreichen von Profiten.

In der globalisierten Shareholder- Wirtschaft geht es überhaupt darum, Renditen zu erzielen – den möglichst hohen Profit in möglichst kurzer Zeit. Das wird den Shareholdern versprochen und dem ist alles untergeordnet. Oder genauer: außer diesem Wert gibt es gar keinen. Das heißt, unter der Maßgabe der Werteschaffung im hier gemeinten Sinne bedeutet wirtschaften den Austausch – den positiven, kreativen Austausch von Gütern, Dienstleistungen usw. zwischen gleichberechtigten Partnern und Partnerinnen.

Mit Ihrem neueren Konzept ihrer Vortragsreihe sprechen sie Modelle an, wie sie sich effektives Wirtschaften mit ethischen Grundsätzen vorstellen können und nennen in diesem Kontext Veröffentlichungen, die sich damit auseinandersetzen. Nun liegen solche Modelle jedoch schon längere Zeit vor: es ist mathematisch belegt z.B. von John Forbes Nash et al. mit der Ausarbeitung der sogenannten Spieletheorie und einem seiner Kernkonzepte, dem Nash-Equilibrium, dass man humanistisch handeln kann – auch und gerade im Wirtschaftsgebaren. In solchen Theorien ist die Schaffung von win-win- Situationen angesprochen – ein in seiner Summe höherer Gewinn für alle Beteiligten als die Aufsummierung aller Gewinne und Verluste mit nur einem eindeutigen Gewinner.

Genau – aber was man damit nicht kann, ist Kapital hoch effizient vermehren, das muss man ganz klar sagen. Es ist ein Irrglaube anzunehmen, diese win-win- Situationen bedeuteten: Ich kann gut wirtschaften, nach ethischen Kriterien wirtschaften und trotzdem meinen Shareholdern eine hohe Rendite bieten – das geht nicht. Hier ist für meine Begriffe ein Widerspruch beschrieben. Diese Art der win-win- Situation gibt es nicht.

Es gibt die win-win-Situation, in der alle Stakeholder – das heißt alle an einer Wirtschaftsunternehmung Teilhabenden und mithin von ihr Betroffenen als Gewinner und Gewinnerinnen aussteigen. Das funktioniert jedoch nur, indem man dies zum oberen Ziel des Wirtschaftens erhebt und die dabei entscheidenen Maßnahmen nicht nur als ein „Gimmick“ beigibt – so wie die der Corporate Social Responsibility, die nur ein Gimmick ist, unter deren Fahne behauptet wird: Du kannst reich werden, du kannst deine Gewinne mit mir vermehren, eine hohe Rendite erzielen und das auch noch mit gutem Gewissen. Das ist eine Lüge. Das gibt es nicht.

Da haben wir die nächsten Stichworte: CSR und Lohas- Lifestyle. Gegenüber dem Lohas- Lifestyle haben sie sich Anfang Mai kritisch im Wirtschaftsmagazin Trend geäußert. CSR und entsprechende Nachhaltigkeitsstrategien zweifeln sie an. Meine Frage an sie ist: Gibt es nicht auch eine Art und Weise des Denkens, die CSR-Strategien der Unternehmen als Chance zu begreifen? In Anbetracht der Tatsache, dass sich in der Wirtschaftswelt kein Merkmal etablieren kann, welches sich nicht rechnet, werden CSR-Strategien natürlich auch als Marketinginstrumente genutzt. Wäre es nicht evtl. auch eine Chance, das Augenmerk zunächst einmal nur auf den pragmatischen Wert dieser CSR und Nachhaltigkeitsstrategien zu legen?

Wenn man die dahinter stehende ideologische Wahrheit immer hinterfragt, kann es da nicht auch zu einem Kontrapunkt kommen? – Die Gefahr bestünde, dass dieses Engagement wieder „totargumentiert“ wird. Dabei wäre es rein ergebnisorientiert ein erster Ansatz.

Nun, ich sehe es als Chance. Ich sehe, dass das Bedürfnis danach da ist. Ich sehe es eindeutig als eine Möglichkeit, da offenbar eine stärker zunehmende Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Wirtschaftssystem in das Denken der Menschen Einzug hält. Diese manifestiert sich jetzt seitens der Konsumenten und Konsumentinnen bspw. in die Richtung, dass der Bürger sich jetzt seinem eigenen Anspruch stellt, mit gutem Gewissen einkaufen zu wollen. Ich denke mir, wir haben so viel Luxus, dass wir uns den Luxus eines guten Gewissens nicht auch noch leisten müssen. Mir ist das gute Gewissen wirklich „schnurzegal“. Was ich will ist: zu analysieren, welche Schritte sind notwendig, um zu einer tatsächlichen Verbesserung der Lebensverhältnisse der Mehrheit der Weltbevölkerung und des Planeten zu kommen. Da sehe ich es natürlich als eine Chance, dass es ein Bedürfnis nach nachhaltigeren Wirtschaftsformen gibt. Dies ist auch notwendig.

Gleichzeitig sehe ich mich als Journalist verpflichtet, darauf hinzuweisen, an welcher Stelle die Leute hier in die Irre geführt werden. Meine Aufgabe als Journalist – als recherchierender Mensch ist es zu sagen, wie und wann die Menschen belogen werden. Aufgrund meiner Recherchen bin ich darauf gekommen, dass eine große Mehrheit dieser CSR-Aktivitäten eine Lüge ist. Es sei denn, wir fänden es ethisch korrekt, einen Dieb dafür zu belohnen, dass er mir 5.000 Euro gestohlen hat und mir dann einen Euro zurück gibt. Wenn das mein ethisches Kriterium ist, ja – dann ist CSR ok. Aber für mich ist es das nicht. Ich belohne nicht einen Dieb dafür, dass er weniger stielt oder dass er mir einen Teil von dem was er gestohlen hat zurück gibt. Das ist der mir grundsätzlich wichtige Punkt dabei.

Ob wir es schaffen, unseren Konsum ökologisch und sozial nachhaltiger zu gestalten, ist eine relativ schwierige Geschichte. Diese ganzen Lohas-Features, diese Fairtrade-, Ökolabels usw. – sie sind doch nur für eine extrem schmale Elite der Gesellschaft zugänglich. Das heißt, mit den Mitteln, mit denen wir eigentlich zur Verbesserung der Gesellschaft beitragen wollen, schaffen wir eine neue Art von Ausschluss. Loha zu sein, ist wirklich ein Privileg, welches nur wenigen auf der Welt vorbehalten ist. Das ist wie ein neuer Diamantring, den man sich kauft. Außer dem Diamantring kaufe ich mir den „Lohasstatus“ auch noch – das bringt mir soziale Anerkennung.

Ich verstehe ihre Art der Kritik. Nun gilt es generell zu fragen, ob es einen effizienten Ansatzpunkt gäbe bei einer Kapitalismuskritik auf einer globalen, mithin sehr allgemeinen Ebene? Denn wirksames Aufbegehren beginnt ja aus pragmatischer Sicht im Kleinen. Und hier möchte ich an die vorige Fragestellung anknüpfen: es könnte doch jetzt auch bedeuten, die Marketinginstrumente wie CSR und Nachhaltigkeitsberichte als eine gesellschaftlich forcierte Forderung im Sinne eines Standards zu etablieren, wobei es erst einmal weniger erheblich ist, ob das Unternehmen diese Maßnahmen auch ideologisch trägt oder nicht? Sollte es nicht auch Ziel sein, eine breitenwirksame Verankerung im Bewusstsein der Bevölkerung zu erzielen?

Das sind zwei paar verschiedene Schuhe, glaube ich. Wenn jetzt die Firma „XY“ ein nicht fair gehandeltes und ein fair gehandeltes Produkt anbietet – ich denke da bspw. an die die Firma Pfanner, die haben einen fair gehandelten Orangensaft und einen normalen- dann kaufe ich auch den fair gehandelten. Und im Vergleich ist es natürlich besser. Auch ich mache dies natürlich in meinem persönlichen Konsumverhalten und ich will das gar nicht schlecht reden. Schlecht ist es dann, wenn es das Gegenteil bewirkt: wenn die Leute aufgrund dessen, dass sie jetzt fair, ökologisch und Loha-mäßig konsumieren (CSR-Schiene usw.) glauben: Damit ist mein Gewissen jetzt bereinigt und damit ist es getan!

Ich nenne ihnen ein konkretes Beispiel aus einem anderen Bereich: Österreich- und ich glaube Deutschland steht da nicht weit nach- ist Weltmeister in der Mülltrennung. Seit es die Mülltrennung gibt, ist das Müllaufkommen in Österreich gestiegen und nicht gesunken, weil jetzt die Leute sagen: „Es ist eh egal, ob es viel Verpackungsmaterial gibt, weil ich trenne es ja.“ Das ist natürlich unter dem Strich ökologisch viel schlimmer, als wenn man keine Mülltrennung betreiben würde sondern dafür Müllvermeidung betreibt- wenn also weniger und nicht mehr jeder „Scheißdreck“ irgendwo verpackt wäre.

Verstehen sie? Das Gleiche passiert mit der CSR. Die Leute sagen sich: „ Jetzt habe ich mein tolles Hybridauto und jetzt brauche ich gar nicht mehr hinterfragen, warum die Firma Daimler oder die Firma „XY“ so umweltschädliche Autos überhaupt herstellt, warum Straßen gebaut werden, warum in der Herstellung bereits Ausbeutung betrieben wird, warum Kinderarbeit betrieben wird und all diese Dinge – warum Streubomben produziert werden usw. Die Politik kann hergehen und sagen: „Schaut, die machen das eh alles freiwillig und jetzt brauchen wir keine Gesetze erlassen“.

Das heißt, das ist ein Schuss nach hinten. Es ist quasi ein winziger Schritt nach vorne, der dazu benutzt wird, um im Schatten dieses Schrittes eine Reihe von tatsächlich notwendigen Maßnahmen zu verhindern. Er verhindert erstens einmal kritische Konsumentinnen und Konsumenten – oder noch viel schlimmer – kritische Bürgerinnen und Bürger, die nun sagen: Jetzt ist eh alles ok, jetzt gibt es Loha-Zeug, hybride Autos usw. Zweitens verhindert er die Gesetze, die notwendig wären, um überhaupt die Wirtschaftstreibenden dazu zu zwingen, sich gesellschaftskonform zu verhalten, die Menschenrechte zu achten und unseren nachfolgenden Generationen einen halbwegs unzerstörten Planeten zu hinterlassen.

Sie unterliegen in ihrer Arbeit, gerade in ihrer Öffentlichkeitsarbeit auch einem Lernprozess, das haben sie heute in ihrem Vortrag klargemacht. Sie haben z.B. für sich dazu gelernt, dass es evtl. nicht darauf ankommt, das Buch noch einmal vorzutragen oder die Leute mit Fakten und noch mehr Fakten zu füttern. Es war deutlich zu merken, dass es ihnen viel wichtiger ist, die Leute zu animieren, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass sie zwar sehr kleine Räder in einem ganz bestimmten System sind, aber immerhin Funktionsglieder. Der Vortrag ist so ausgegangen, dass sie die Leute ermutigen zum Widerstand, den jeder auf seine Art und Weise praktizieren kann, durch bewusstes Konsumieren, journalistische Tätigkeiten usw. …

Ich ermutige die Leute zum Widerstand – das klingt so, als ob man sich da verkrampft in etwas verbeißen muss. Es geht nicht um eine Dauerwiderstandshaltung. Ich versuche sie zu ermutigen zum Mensch sein – für sich in Anspruch zu nehmen, sich selbst eine gewisse Menschlichkeit zu gönnen und anderen gegenüber an den Tag zu legen. In vielen Fällen angesichts von Menschen, die die Freiheit oder das Lebensglück von anderen bedrohen, ist Widerstand notwendig. In anderen Fällen ist das Gegenteil angezeigt – ist mehr Umarmung vonnöten. Ich versuche die Menschen zu ermutigen, für sich ein Selbstvertrauen und eine Selbstermächtigung in Anspruch zu nehmen.

Für mich ist ganz wesentlich bei all der Arbeit, die ich seit langem mache: Es geht nicht um Verzicht. Es geht nicht um eine krampfhafte verbissene Haltung gegen das Böse da draußen. Es geht nicht um den Verlust von Lebensqualität. Im Gegenteil: Es geht darum, menschliche Bedürfnisse und die Bedürfnisse nach Solidarität, Gemeinschaft und einem guten Leben auf diesem Planeten an die oberste Stelle aller Sozial- und Wirtschaftssysteme zu stellen. Das muss das Ziel allen politischen und wirtschaftlichen Handelns sein und nicht die Zahlen auf dem Konto von irgendeinem Shareholder von irgendwem. Das muss das Ziel sein und jedes Kind versteht das. Und die Leute glauben, sie verstehen es ja, aber sie denken, so einfach kann es ja dann doch nicht sein. Sie glauben jedoch, sie haben kein Recht darauf, da das herrschende System signalisiert: Nein – das Ziel muss schon sein, das da große Zahlen stehen – geht’s der Wirtschaft gut, geht es allen gut!

Apropos herrschendes System – das klassische Modell einer Sozialisation eines Menschen in der westlichen Welt sieht so oder ähnlich aus: Kindheit, Ausbildung, Beruf. Stehe ich aber einmal in Lohn und Brot – in einer 40 Stundenwoche und gehe einer ganz normalen geregelten Arbeit, fehlen mir höchstwahrscheinlich a) zeitliche und b) geistige Kompetenzen, um irgendwie geartet Energie freizusetzen, mit dem Ziel, von sich behaupten zu können: Ja, ich kann gedanklich aus diesem System heraustreten und über den Tellerrand schauen. Ich kann es mir leisten, noch andere Dinge zu sehen…

Ja, so züchtet man sich seine Sklaven.

…und das ist wie ein geschlossener Kreislauf. Das System schützt sich mithin durch seine Funktionsmechanismen selbst. Jetzt gibt es seit einiger Zeit eine große Diskussion, zu der ich sie um ihre ganz persönliche Meinung fragen möchte. Bei uns im deutschen Grundgesetz ist das Recht auf Arbeit verbrieft. Das Recht auf Arbeit heutzutage ist ja sozusagen schon deshalb eine Farce, weil marktwirtschaftlich organisierte Wirtschaft, allein nur um zu funktionieren, eine gewisse Sockelarbeitslosigkeit von 3-6% der arbeitsfähigen Bevölkerung braucht, um ganz bestimmte Druckmechanismen auf Lohngefüge auszuüben, ihre Flexibilität zu garantieren usw.

Nun gibt es, ausgehend von dem Recht auf Arbeit, eine Diskussion um ein Recht auf Einkommen, um an der Gesellschaft teilhaben zu können, um sich in der Öffentlichkeit bewegen zu können, um mit dem Bus zu fahren, um Kultur gestalten und genießen zu können usf. Wie ist ihre persönliche Meinung zu einem bedingungslosen Grundeinkommen?

Ich bin für ein bedingungsloses weltweites Grundeinkommen, um es gleich ganz deutlich zu machen. Nun, jetzt wird jeder sagen: ok das ist ja völlig utopisch! Ist es auch, aber Demokratie war auch mal utopisch und das Wahlrecht für Frauen war auch mal utopisch und zwar bis vor kurzem noch in der Schweiz zum Beispiel. Umweltschutz war auch einmal utopisch. Ja – es ist möglich und zwar nach allen Indikatoren, die wir dafür hernehmen.

Erstens: die Welt kann 12 Milliarden Menschen ernähren – das ist bewiesen. Wir sind derzeit bei 6,7 Milliarden, das heißt es gibt überhaupt kein Problem, dass alle Menschen in Würde leben könnten. Dann braucht man nur die Zahlen zu studieren, die die UNO nennt und kann errechnen, dass zum Beispiel die zwei Prozent reichsten Menschen der Welt genauso viel Vermögen, Vermögenswerte, Geld, Grundstücke, Güter usw. haben, wie die fünfzig Prozent der Ärmsten.

Zwei Prozent haben soviel, wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Diese Hälfte der Weltbevölkerung sind die, die von der ärgsten Armut betroffen sind, die kein Dach über dem Kopf haben, die kein sauberes Trinkwasser haben, die teilweise weniger als zwei Dollar am Tag verdienen; manche von ihnen sogar weniger als einen Dollar am Tag und dann die Menschen, die keinen Zugang zu Schulen und Gesundheitseinrichtungen haben. Das Dilemma ist das Ausmaß der Verteilung des Reichtums: hier steht die Hälfte der Weltbevölkerung gegen zwei Prozent.

Die zehn Prozent der reichsten Menschen besitzen soviel wie 85 Prozent der Weltbevölkerung. Allein Bill Gates besitzt soviel, wie die Einwohner und Einwohnerinnen der 50 ärmsten Länder der Welt in einem Jahr verdienen. Ein Mensch gegen alle Einwohner und Einwohnerinnen der 50 ärmsten Länder. Selbstverständlich wäre es möglich, denen ein Grundeinkommen zu finanzieren.

Ein etabliertes Argument gegen die Schaffung eines bedingungslosen Grundeinkommens ist ja die Behauptung, dass dann überhaupt niemand mehr arbeiten wird. Doch erstens es ist ein Grundbedürfnis der Menschen, kreativ tätig zu sein. Die Menschen können dann endlich etwas arbeiten, was auch Sinn für sie macht – nämlich nicht malochen für die Produktion von Gütern, die die Umwelt zerstören und nur wenige reich machen, sondern Tätigkeiten, die wirklich gebraucht werden im Bereich der Bildung, im Bereich des Gesundheitswesens, im Bereich des Sozialwesen, im Bereich der Kunst, im Bereich der Herstellung von sozialen Infrastrukturen usf.

Sicherlich wird es immer auch wen geben, der die Scheiße wegputzen muss und den Müll runter tragen muss. Aber in einer solchen Gesellschaft, in der es möglich ist, das alles zu haben, regeln wir dies doch genauso, wie wir das in der Familie regeln. Auch wenn ich mehr verdiene als meine Frau, muss ich trotzdem den Müll runter tragen. Die Tatsache, dass ich verdiene, hindert mich ja nicht daran, dass ich den Müll runter trage. Das regelt sich doch auf anderen Ebenen. Und jetzt mal ein bisschen weniger utopisch gedacht: das bedingungslose Grundeinkommen auf nationaler Ebene lässt sich morgen umsetzen. Deutschland oder noch besser die Europäische Union kann das sofort umsetzen.

Ich möchte noch einmal zurückkommen auf ihr Buch „Schwarzbuch Markenfirmen“. Bei der Lektüre beschleicht den Leser die Überlegung, dass soziales und menschenrechtliches Engagement weltweit momentan immer oder sehr oft an seiner Ineffizienz scheitert. Es gibt hunderte, tausende von Gruppen, die sich engagieren. Es werden, so verstehe ich das, nur sehr wenige Synergien genutzt. Könnten sie sich vorstellen, mit ihrer Recherchearbeit und ihren Publikationen dort praktisch eine Informationsplattform genau für solche Organisationen zu sein, um Informationen zusammen zu führen, um menschenrechtliches Arbeiten weltweit aufeinander abgestimmter und somit effizienter zu gestalten?

Ich glaube nicht, dass man diese scheinbare Perfektion der kapitalistischen Marktwirtschaft und dieser Konsumgesellschaft mit einer Gegenperfektion bekämpfen kann oder soll oder dieses absurde Effizienzdenken, das uns zu Maschinen macht statt zu Menschen mit noch mehr Effizienz bekämpfen kann. Ich glaube, dass die global vernetzten Zivilgesellschaften extrem effektiv, also extrem erfolgreich sind, eben weil sie gut vernetzt sind und sie genau nicht nach diesem klassischen Muster der Organisation und der Effizienz arbeiten. Sie sind effektiv, weil sie gerade eben in vielen Bereichen nicht so greifbar sind.

Wenn ich jetzt quasi die „Klaus Werner rettet die Welt“- Organisation aufbaue mit starken, klaren Regeln und Informationskanälen, dann braucht ja nur Einer auf den Knopf drücken und zerstört sie mit einem Schlag. Dann ist sie kaputt, während das, was da ist, was da nichthierarchisch passiert, was immer größer wird und was wie ein Lebewesen quasi über den Erdball wächst, erfolgreich ist. Nämlich diese extrem unterschiedlichen Zivilgesellschaften, das sind anarchistische Gruppen neben katholischen Jungscharmenschen und ugandische Kleinbauern neben Gewerkschaftern aus Deutschland, die natürlich kulturell und organisatorisch überhaupt nicht zusammenpassen. Dadurch, dass sie so unterschiedlich sind und eben mittlerweile immer mehr vernetzt sind, sind sie so erfolgreich.

Viele Dinge, die die großen Konzerne und ihre Interessenvertreter in Regierungen und in internationalen Institutionen versucht haben, wie zum Beispiel das multilaterale Investitionsabkommen- welches ein Wahnsinn gewesen wäre, das bedeutet hätte, dass Nationalstaaten den Konzernen überhaupt keine Gesetze mehr entgegen setzen können- wurden verhindert und zwar von Leuten, die so auf den ersten Blick überhaupt keine Gegenmacht darstellen.

Wenn ich jetzt quasi die „Klaus Werner rettet die Welt“- Gruppe zusammenstellen würde, wär die einfach extrem leicht zerstörbar. Wozu ich beitrage – wozu ich hoffe beizutragen, sowohl durch meine Bücher, meine Vorträge oder durch meine sozialen Kontakte ist, Knoten in diesem Netzwerk zu knüpfen und die Fühler auszustrecken nach noch mehr Netzwerkpartnern. Ich bin jetzt zum Beispiel konkret dabei, das Internet dafür zu nutzen. Ich unterhalte eine Homepage namens www.unsdiewelt.com, die genau dazu dienen soll, dass Menschen, die jetzt in erster Linie im deutschen Sprachraum initiativ werden wollen und sagen: ich würde gern etwas tun, aber ich weiß nicht genau was, dort Anknüpfungspunkte finden.

Sagen wir ein 16jähriger Schüler, der in Görlitz lebt und meint: irgendetwas würde ich gern machen, jedoch eine konkrete Idee habe ich nicht. Dieser Schüler findet vielleicht dort Leute, die in Görlitz oder in der Nähe von Görlitz bereits etwas tun, Leute, denen er sich anschließen kann. Der Weg lässt sich natürlich auch umkehren: ich habe eine tolle Idee, ich gründe eine Initiative und kann sie über diese Plattform lancieren. Das genau ist es, was wir, wie ich glaube, brauchen. Genau für die Vorgehensweise versuche ich jetzt mit www.unsdiewelt.com und einem geplanten neuen Buch ein bisschen Infrastruktur und Netzwerkpunkte anzubieten – aber Organisation – Gott behüte!

Haben sie damit den Grundkern ihrer neuen geplanten Veröffentlichung „Uns gehört die Welt“ beschrieben in Abtrennung zu den Büchern, die sie vorher veröffentlicht haben?

In der Webplattform www.unsdiewelt.com geht es in erster Linie um das Netzwerk und um Information. Das Buch, das jetzt am 20. August erscheint, ist entstanden aus der Tatsache, dass ich sehr viele Vorträge in Schulen gehalten habe und festgestellt habe: ich kann natürlich über globale Wirtschaftspolitik und über volkswirtschaftliche Hartfacts nicht zu allen Menschen in dieser Sprache reden, wie ich das bisher gemacht habe. Es geht nun vielmehr darum, nicht nur 11-18 Jährige, sondern auch Erwachsene, die jetzt einfach nicht die Zeit haben, viel Zeitung zu lesen und sich viel mit dem Thema zu beschäftigen, aber sich trotzdem eigentlich als soziale Wesen verstehen, etwas in die Hand zu geben, was sie die Zusammenhänge zwischen Globalisierung und Krieg und Umweltzerstörung und ihrem Alltag besser verstehen lässt.

Das beispielsweise klarer wird, warum es zum Beispiel in Görlitz einen Konflikt zwischen Menschen deutscher und polnischer Staatsangehörigkeit gibt; warum hier ein solcher Konflikt sichtbar wird, was dahinter steckt und wer womöglich Interesse an solchen Konflikten hat. Wer hat Interesse daran, Diskriminierung, Sexismus, Rassismus zu erzeugen? Wer hat Interesse daran, dass Menschen überhaupt nur in der Kriminalität leben können? Wer hat Interesse daran, eine Angstpolitik zu betreiben, so dass man schon langsam in einem Überwachungsstaat lebt, der dahingehend quasi die DDR, jedoch als modernes Technologieprojekt, ist? Warum herrscht im drittreichsten Land der Welt so hohe Arbeitslosigkeit? Warum steigt das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland und wird Deutschland immer reicher und trotzdem kann man angeblich die Pensionen nicht mehr bezahlen?

Mir geht es darum zu vermitteln, dass es für die Dinge, von denen die Leute in ihrem Alltag total betroffen sind, globale Zusammenhänge gibt, die einfach zu verstehen sind. Bill Clinton hätte gesagt: „It’s the economy, stupid!“. Wenn man sieht, dass sie einfach zu verstehen sind, dann sieht man auch, dass man mitreden kann. Solange man glaubt, das ist zu kompliziert – das verstehen nur „die da oben“, freut das „die da oben“, weil die dann zurückgelehnt sagen: Da dürft ihr nicht mitreden.

Deshalb der Titel: „Uns gehört die Welt“

Uns gehört die Welt! Die Welt gehört de facto, wenn man sich die Zahlen anschaut, den Shareholdern, den Multimillionären und den multinationalen Konzernen – und wir sagen, es ist unsere Welt – uns gehört die Welt! Wir lassen uns nicht verkaufen und vor allem lassen wir uns nicht für dumm verkaufen.

Sie haben in den anderen Publikationen mehr Fakten geliefert, um Aufklärungsarbeit zu leisten und wollen nun darauf aufbauend das Vorhaben explizieren, ein neues Bewusstsein anstoßen, verstehe ich das richtig?

Genau. Ich habe früher im Schwarzbuch Markenfirmen noch ein bisschen mehr auf die Macht des Konsumenten vertraut. Jetzt sehe ich aufgrund meiner Erfahrungen, meiner Recherchen, meiner Gespräche usw. dass es darum geht, Lust zu machen, sich als soziales, politisches Wesen zu verstehen und mitzumachen – seine Träume zu leben, sich zu informieren, andere zu informieren, sich mit anderen zusammen zu tun, Spaß dabei zu haben und Zivilcourage zu zeigen. Das sind für mich die Knackpunkte.

Herr Werner, ich danke ihnen für dieses Gespräch.

Danke
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Görlitz, 05. Juni 2008

Der Vortrag „Macht und Machenschaften der Weltkonzerne“ von Bestsellerautor Klaus Werner begeisterte das Publikum im großen Hörsaal der Hochschule Zittau Görlitz.

>> Macht ist nicht absolut – Macht wird delegiert

>> Fotostrecke zum Vortrag

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Demnächst finden Sie hier:

– das Interview der Ethiker- Redaktion mit Klaus Werner incl.

– Fotos

– Kommentar der Ethiker- Redaktion

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Görlitz, 27. Mai 2008

Am 05. Juni findet im großen Hörsaal der Bluebox in Görlitz der Vortrag „Macht und Machenschaften der Weltkonzerne“ für die Fachhochschule Zittau/Görlitz statt.

Der Bestsellerautor Klaus Werner berichtet anhand konkreter Beispiele über seine Recherchen für die Bücher „Schwarzbuch Markenfirmen“ und „Schwarzbuch Öl“.

Anke Pohl und Dirk Müntzenberg von ETHIKER nehmen am Vortrag teil. Anschließend ist ein Interview der ETHIKER – Redaktion mit Klaus Werner geplant.

Der 1967 in Salzburg geborene Buchautor und Journalist Klaus Werner Lobo studierte in Wien Umweltbiologie, Romanistik und Germanistik.

1992 betreute er internationale Medien auf der Weltausstellung in Sevilla für die Österreichische Wirtschaftskammer. Seine journalistische Laufbahn begann er 1993 beim Nachrichtenmagazin PROFIL und der Wirtschaftszeitung TREND. Von 1995 bis 2000 war Klaus Werner Pressesprecher des Österreichischen Ökologie-Instituts. Zusätzlich arbeite er von 1996 bis 1998 für die Wiener Stadtzeitung FALTER.

Im Oktober 2000 erschien im Deuticke Verlag das Buch „Prost Mahlzeit! – Essen und Trinken mit gutem Gewissen“, das von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen unter die „Top Ten der Zukunftsbücher“ gewählt wurde.

Ab 2001 erschien in mehreren Neuauflagen das Schwarzbuch Markenfirmen – Die Machenschaften der Weltkonzerne, von dem mehr als 150.000 Exemplare verkauft wurden.

2005 erschien das Schwarzbuch Öl – Eine Geschichte von Gier, Krieg, Macht und Geld mit Übersetzungen ins Italienische und Arabische.

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Abbildung: „Das Neue Schwarzbuch Markenfirmen – Die Machenschaften der Weltkonzerne“, von Klaus Werner/Hans Weiss, Ullstein Taschenbuch Berlin 2006, ISBN: 978-3-548-36847-4

Webtipps:

www.weltnachrichten.org

www.markenfirmen.com

Schwarzbuch Öl

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