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Das Atomprogramm des Iran- die Frage nach seiner Notwendigkeit

Technologien zur Nutzung regenerativer Energiequellen könnten Atomkonflikt am Persischen Golf lösen

Berlin

Dr. N. Supersberger, Foto: Ethiker


Was für die iranische Regierung in offizieller Verlautbarung unter dem Begriff des ´Atomprogramms´ ein Konzept zur Gewährleistung der Energieversorgungssicherung für die Zukunft des Landes darstellt, wird in der westlichen Welt, hier insbesondere die USA aber auch zunehmend die EU (vornehmlich Großbritannien, Frankreich, Deutschland), deutlich anders konnotiert. Hierbei wird auf Gefährdung der politischen Stabilität der Region verwiesen, deren angestrebtes Gleichgewicht in hohem Maße gefährdet sein könnte, wenn sich dort Atommächte etablierten.

Und diese Aufgabe eines politischen Equilibriums hat eine Brisanz nicht nur für die Region am persischen Golf. So sprechen die Gegner des iranischen Atomprogramms bei der Bewertung der Argumentation der dortigen Regierung von einem Vorwand, welcher die Anreicherung von Uran zum Zwecke der Herstellung atomarer Sprengköpfe maskieren soll. Dies gipfelt in der Klassifikation des Iran seitens der US-Regierung als einen ´Schurkenstaat auf der Achse des Bösen´. Bereits 2002 wurden Ermittlungen amerikanischer Geheimdienste bekannt, die die Existenz von Arsenalen ballistischer Mittelsstreckenraketen namens Shahab-3 im Iran feststellen, welche aufbauend auf nordkoreanischen Technologien geeignet seien, auch atomare Sprengköpfe zu tragen. Seither hat sich die politische Lage zwischen der westlichen Welt und dem Iran sukzessive verschärft.

Eine ausführliche Chronik des Verhandlungs- und Sanktionsverlaufs ist unter: http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Iran/Welcome.html nachzulesen.

In diesem Spannungsverhältnis bildet bei der Beschreibung der politischen Situation die Vokabel ´Atomkonflikt´ die Wirklichkeit wohl realitätsgetreuer ab.

Die Erarbeitung und Veröffentlichung aktueller Studien und Expertisen, die sich mit der momentanen Rohstoffsituation im Iran sowie mit Szenarien zukünftiger Energiegewinnungsoptionen des Landes befassen, könnten, wider deren Intention, die Lage noch verschärfen.

Zum Thema: „Der unnötige Atomkonflikt“ lud unter der Leitung von Dorle Riechert das Wuppertal- Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH am 25.06.2008 zu einem Journalistenworkshop in die Hackeschen Höfe in Berlin Mitte. Hierbei wurde die Dissertation von Nikolaus Supersberger mit dem Titel: „Szenarien eines diversifizierten Energieverbrauchs in OPEC-Staaten am Beispiel Irans – Strategien eines auf klimaschonenden Energieträgern basierenden Umstiegs“ vorgestellt, welche parallel zu einem von der Heinrich-Böll-Stiftung geförderten deutsch-iranischen Forschungsprogramms des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie GmbH, dem „Centre for Environment and Energy Research and Studies“ (CEERS, Teheran) sowie dem Büro „Ö-Quadrat“ und Prof. Massarrat entstand.

Solche vergleichende Systemanalysen, die sich mit Bilanz- und Verteilungsproblemen auseinandersetzen, existieren bisher in keinem der OPEC-Staaten. Nach wie vor setzt man dort auf den Ausbau des bisherigen konventionellen (fossil basierten) Entwicklungsweges, in einigen Ländern lediglich angereichert um die vermeintliche Zukunftsstrategie Kernenergie- so auch im Iran. Die Kernenergie gilt in vielen der OPEC-Saaten als erste Wahl, wenn es darum geht, nach Alternativen für die Stromgewinnung zu suchen, um die eigenen Reserven an fossilen Brennstoffen zu schonen, da so die Kapazitäten gewahrt bleiben, den devisenträchtigen Export von Erdgas zu sichern.

Hinsichtlich der außenpolitischen Rechtfertigung der Aufnahme des Atomprogramms scheint es dann auch wenig verwunderlich, dass die eigenen Prognosen der iranischen Regierung hinsichtlich des zukünftigen Energiebedarfs des Landes mit Verweis auf eine rasante wirtschaftliche Entwicklung sehr überzogen ausfallen. So wird eine Stromerzeugungsleistung im Jahre 2020 von 90Gigawatt erwartet, wobei der Anteil der Kernenergie mit 6- 7 Gigawatt veranschlagt wird. Die Ergebnisse der oben genannten Studie von Supersberger gebiert andere Zahlen. Er geht von einem maximalen Bedarf von 62 Gigawatt aus, mithin einem Drittel weniger als die Prognose der Regierung.

Supersberger hat in seinen Untersuchungen vorrangig zwei Dimensionen berücksichtigt. Zum einen prüfte er unter der Maßgabe örtlicher Besonderheiten den Rahmen theoretisch zur Verfügung stehender technologischer Möglichkeiten, mithin das „Womit“ der Stromerzeugung und zum zweiten ist der Kern seiner Betrachtungen das „Wie“. Bezüglich des „Wie“ errechnete er mehrere Szenarien, deren Unterscheidung sich auf das Konzept der Effizienz beziehen. So sagen seine Untersuchungen voraus, dass bei einer Kopplung des Ausbaus der Energiesicherung des Landes mit Maßnahmen, welche eine hohe Effizienz garantieren, der zu erwartende Energiebedarf bei der gleich bleibenden volkswirtschaftlichen Entwicklungsgeschwindigkeit wie oben angenommen lediglich bei ca. 52- 53 Gigawatt im Jahre 2020 läge. Hierbei betrügen die Kosten geeigneter Effizienzmaßnahmen, wie die Überarbeitung des maroden Pipeline- u. Leitungsnetzes usf., gerade den 20igtsen Teil der daraus zu erzielenden Gewinne. So könnte allein durch geeignete Maßnahmen im Jahr 2050 mehr Ergas und Erdöl eingespart werden, als 2001 insgesamt verbraucht wurde. Allein mit den eingesparten Mengen könnte der Iran dann zwei Industrieländer mit einem Jahresverbrauch, der dem Deutschlands entspräche, mit Erdgas beliefern.

Aufgrund der geografischen Gegeben- und Besonderheiten des Iran sei dieser, so Supersberger- und hier ist das „Womit“ angesprochen, geradezu prädestiniert für die Nutzung regenerativer Energiequellen. Der Iran liegt, genau wie Nordafrika und die gesamte Region am Persischen Golf, im so genannten Sonnengürtel der Erde und verfügt deshalb über eine sehr hohe Solareinstrahlung. Diese ließe sich zum Beispiel mit solarthermischen Kraftwerken in Gebrauchsenergie umwandeln, wobei der Autor hier bewusst die Etablierung von großflächigen Photovoltaikanlagen ob ihrer Kostenintensität vernachlässigt. Darüber hinaus verfügt der Iran aufgrund plattentektonischer Spezifika über große Potentiale bei der Nutzung von Geothermie- der Erdwärme sowie der Wasserkraft und Windenergie.

Entgegen der Wahrnehmung iranischer Entscheidungsträger sind die Voraussetzungen für die Erschließung erneuerbarer alternativer Versorgungspfade geradezu ideal, so dass die Kernenergie kein unentbehrlicher Baustein für die Energieversorgung und die Energiesicherheit Irans ist. Aus energiesystemischer Sicht, resümiert Dr. Supersberger, ist der Atomkonflikt überflüssig.

Während ob ihrer wissenschaftlich begründeten argumentativen Stringenz die Reputation dieser Art von Studien hierzulande unzweifelhaft ist, bleibt doch deren Wirkung auf die Verantwortlichen am Persischen Golf abzuwarten. Hierbei ist der Iran nur als ein prototypischer Vertreter für die Länder aus der Region und weiterführend für die OPEC im Allgemeinen zu verstehen. Liegt es doch auf der Hand, dass zwischen den Bestrebungen, im volkswirtschaftlich relevanten Ausmaß die Etablierung von Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energiequellen zu forcieren und dem Stategieportfolio der OPEC ein Interessenskonflikt besteht, so dass die Bemühungen zur Einbindung der OPEC-Saaten in das globale Klimaschutzbestreben auf strukturelle Hemmnisse stoßen.

Doch, so gilt einschränkend anzumerken, wäre der Diskurs hinsichtlich des Ausbaus regenerativer Energiegewinnungssysteme inhaltlich verkürzt, wenn er sich ausschließlich auf Argumente bezöge, die sich auf Klimaschutzaspekte stützen. Konnte doch Supersberger in seiner Arbeit nachweisen, dass hier Gesichtspunkte zum tragen kommen, welche die kurz-, mittel- und langfristige Rentabilität der Energiesicherung des Landes tangieren, so dass hier der oft proklamierte vermeintliche Widerspruch zwischen ökonomischen und ökologischen Interessen ausgeräumt werden kann. Nach der medialen und politischen Lancierung dieser und eventuell folgender Studien wird sich zeigen, in wie weit der Sachzwang zum Ausbau der Kernenergie im Iran von der dortigen Regierung vorgeschoben scheint und der Verdacht auf eine Option der militärischen Nutzbarmachung dieser Technologie den Charakter einer Entität erhalten muss.

Bei der Bewertung der zukünftigen Entwicklungen im Atomkonflikt mit dem Iran sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass die Prämissen, auf die sich die Argumente der iranischen Regierung bei der Rechtfertigung ihres Atomprogramms beziehen, einem anders gearteten Bezugssystem entspringen, als es heute in der westlichen Kultur selbstverständlich scheint. Im islamischen Iran wird im öffentlichen Leben keine Säkularität gelebt, die Vermischung von Wirtschaft und Politik mit der Religion ist dort allgegenwärtig und betrifft selbstverständlich auch den Wissenschaftsbetrieb. Die in der islamischen Kultur verbreitete Annahme, die Energie gehöre dem Volk, erklärt beispielsweise einen Großteil der obsessiven Subventionspolitik der Regierung in Energiebelangen, was zur Folge hat, dass finanzielle Anreize für die Bevölkerung zum sparsamen Umgang mit Energie völlig ausbleiben. Dies entkräftet die argumentative Durchschlagskraft der ´Energieeffizienz´ erheblich.

Allein die deutlich überzogenen Prognosen der Regierung hinsichtlich des zu erwartenden Energiebedarfs deuten auf politisches Gebaren eines Entwicklungslandes, welches sich auf dem Weg zu einer Industrienation versteht, da, das hat die Geschichte oftmals gezeigt, in diesem Stadium der gesellschaftlichen Entwicklung eines Landes der Energieverbrauch linear oder gar positiv exponentiell zum Wirtschaftswachstum gedacht wird und mithin ein hoher Energiebedarf und –verbrauch stolz als Aushängeschild fungiert.

Im speziellen Fall Irans und seiner jüngeren Kulturgeschichte seit den 70iger Jahren ist eine außenpolitische Tendenz zu beobachten, die sich gerade bei Interessenskonflikten jeglicher Art besonders zeigt: der Hang zu einem gewünschten und deshalb nicht selten forcierten Separatismus, welcher noch zunimmt, sobald sich der wirtschaftliche und politische Druck auf das Land von außen erhöht. Das Ausrufen eines Gottesstaates 1978 unter Ajatollah Chomeini und der dabei von der Führung in Kauf genommenen fast vollständigen Isolation des Landes über Jahre hinweg sei hier nur eine Randnotiz.

Wenn wir uns an das Image von Technologien zur Gewinnung von Energie aus regenerativen Quellen in den 60iger und 70iger Jahren hierzulande und der damals vorherrschenden Technologiebegeisterung bezüglich der Atomkraft erinnern und bedenken, wie steil und steinig der noch lang nicht abgeschlossene Weg zu einem halbwegs fundierten Umweltbewusstsein in der so genannten aufgeklärten westlichen Welt war und ist, scheint es vermessen, diesen Maßstab, und sei es auch nur implizit, an die Entscheidungsreife iranischer Regierungsbeschlüsse zum Thema Energiepolitik unter ökologischen Maßgaben anzulegen. Die Glaubwürdigkeit der ökologischen Handlungsprämissen Europas in Energiefragen wird auch stark unterlaufen durch den doppelbödigen Lobbyismus, den beispielsweise Frankreichs Ministerpräsident Nikolas Sarkozy betreibt, in dem er versucht, Atomtechnologie die hier nicht mehr gewünscht wird, in Entwicklungsländer zu verkaufen- wie in jüngster Zeit in Libyen geschehen.

Es scheint zumindest so, dass der weitere Verlauf der Diskussion um das Atomprogramm des Iran nicht nur von wissenschaftlich nachweisbaren Argumenten oder volkswirtschaftlich erforderlichen Begehrlichkeiten gelenkt- sondern auch von einer interkulturellen Dynamik bestimmt werden wird, welche es diplomatisch geschickt zu lenken gilt.

Kurz zum Autor der rezitierten Studie:

Dr. Nikolaus Supersberger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wuppertal Institut für Klima, Energie und Umwelt GmbH im Bereich: Zukünftige Energie- und Mobilitätsstrukturen. Er studierte Biologie und Meereskunde an den Universitäten Erlangen und Kiel sowie Umwelttechnik an der Fachhochschule Emden und den Universitäten Esbjerg (DK) und Leicester (GB) und promovierte zum Dr. rer. pol., Universität Osnabrück 2007. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: nachhaltige Energiesysteme in Ländern des Mittleren Ostens; fossile Energieträger: Verfügbarkeit, Geopolitik, Akteursstrukturen und Märkte; CO2-Sequestrierung und –Entsorgung.

Nikolaus Supersberger ist (Mit)Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema zukünftiger Energiekonzepte.

Seine Dissertation steht unter: http://elib.ub.uni-osnabrueck.de/publications/diss/E-Diss733_thesis.pdf zum download bereit.

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