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ETHIKER DAS ONLINEPORTAL - Mittwoch, 23. August 2017

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Differenziertes Zeugnis zum Weltfinanzgipfel

Wirtschaftswissenschaftler der Universität Hohenheim analysieren Ergebnisse:

Hohenheim

londonsummit-resized_01IWF-Aufwertung: „brillante Lösung“ / Regulierung: „geht nicht weit genug“ / Bereinigung der Banken-Altlasten: „Hauptproblem ignoriert“

Ein großes Lob für den Willen zur Einigung, die neue Rolle des IWF und die Grundzüge der Finanzregulierung. Doch die dringlichste Aufgabe hätten die G20- Staaten auf ihrem Gipfel in London nicht angepackt: Eine Antwort auf die Frage, wie Banken von ihren toxischen Altlasten befreit werden können. Zu diesem Ergebnis kamen Wirtschaftswissenschaftler der Universität Hohenheim in ihrer Erstanalyse auf einer Pressekonferenz am vergangenen Freitag, dem Tag nach dem Londoner Gipfel. Fachliche Zustimmung ernteten die Politiker für ihren Ansatz, den Internationalen Währungsfonds IWF mit Zusatzgeldern auszustatten und das Mitspracherecht der Entwicklungs- und Schwellenländer massiv auszuweiten. Nicht weit genug gingen den Wirtschaftsexperten dagegen die vorgesehenen Finanzmarktregeln: Auch kleine Hedgefonds sollten der Aufsicht unterstellt werden.

Gute Arbeit – doch die Prioritäten hätten nicht gestimmt, urteilten die Wirtschaftswissenschaftler der Universität Hohenheim. Das derzeit drängendste Problem sei, das immer noch zusammengebrochene Bankensystem wieder zum Laufen zu bringen, damit die Konjunkturimpulse über IWF und Weltbank und die nationalen Konjunkturprogramme auch griffen. Die große Leistung des Gipfels – ein 1,1-Billionen-Paket für die internationalen Finanzinstitutionen – sei erst in zweiter Linie wichtig gewesen.

Aus ökonomischer Sicht seien die neuen Finanzmarktregeln am wenigsten dringlich gewesen. „Neue Regeln brauchen wir eigentlich erst, wenn der Aufschwung wieder kommt“, sagte Prof. Dr. Peter Spahn als Spezialist für monetäre Makroökonomie. Politisch gesehen sei der Zeitpunkt dagegen gut gewählt, denn „es ist sicher zweifelhaft, ob das Thema noch mit gleichem Nachdruck betrieben werden würde, wenn die Konjunktur wieder anzieht“.

Die Expertenmeinungen im Detail:

Hauptproblem: Kein Konzept für toxische Altlasten

Die erste Priorität hätten die G-20 Staaten auf ihrem Gipfel demnach ausgespart: „Ich bezweifle, dass die Konjunktur ernsthaft anspringt, solange die Bankbilanzen nicht von ihren toxischen Altlasten bereinigt werden und die Banken wieder Kredite vergeben“, zitierte Prof. Dr. Spahn die Meinung aller anwesenden Kollegen. Dabei wären pragmatische Lösungen denkbar.

„Unter dem Strich hat die Verschuldung ja gar nicht die gigantischen Ausmaße, wie sie sich darstellt“, so Prof. Dr. Spahn. Seine Begründung: Viele Schulden bestünden aus gegenseitigen Forderungen innerhalb des Bankensystems, die sich gegenseitig aufhöben. Für eine Welt-Clearing-Stelle, die diese internen Verschuldungen gegeneinander aufrechne, seien die Papiere jedoch zu intransparent.

Sein pragmatischer Vorschlag: ein Tauschgeschäft, bei dem Banken ihre gegenseitigen Kredite vorübergehend gegen Staatsanleihen eintauschen. „Sobald die Forderungen einer Bank fällig werden, werden sie in Staatsanleihen beglichen. Nach einigen Jahren reduzieren sich die Wechsel auf das, was durch die Immobilienkrise tatsächlich in den texanischen Sand gesetzt wurde. Dann sammelt der Staat seine Anleihen wieder ein“.

Einbrechende Investitionen als Folge

„Gesamtwirtschaftlich bleibt es die erste Aufgabe, die Geldvergabepolitik der Banken wieder flott zu bekommen“, pflichtete Prof. Dr. Dirk Hachmeister, vom Lehrstuhl für Rechnungswesen und Finanzierung, bei. Nicht nur bei Großunternehmen sondern auch bei Mittelständlern seien die Investitionen mangels Kredite bereits eingebrochen.

„Jede Hilfe sollte deshalb auch davon abhängig gemacht werden, dass die Banken wieder Kredite vergeben“, so die Ansicht Prof. Dr. Hachmeisters.

Korea und Japan als Lehrbeispiele

Historische Analogien steuerte Prof. Dr. Thomas Beißinger vom Lehrstuhl für Dienstleistungs- und Arbeitsmarktökonomik bei: Ende 1997 sei Korea im Zuge der Asienkrise in eine Bankenkrise geschlittert – und habe diese im Gegensatz zu Japan glänzend gemeistert.

„Auch in Korea hatten die Banken langfristige Kredite über kurzfristige Kredite in ausländischer Währung abgesichert. Ein legitimes System, das jedoch zusammenbrach, als Japan im Zuge der Asienkrise sein Geld wieder abzog“, erinnerte Prof. Dr. Beißinger.

Die Reaktion der Regierung: „Die Banken mussten ihre toxischen Papiere offenlegen, zwei wurden verstaatlicht, den überlebensfähigen wurden die Papiere abgenommen. Dafür mussten sie die Eigenkapitalquote erhöhen und sich verpflichten, den Unternehmen wieder Kredite zu geben.“ Für Korea sei das ein schmerzhafter Kraftakt gewesen, der 13 % des Bruttoinlandsproduktes kostete. Die Maßnahmen führten aber zu einer schnellen Erholung der koreanischen Wirtschaft mit Wachstumsraten von knapp 10 Prozent in den Jahren 1999 und 2000. Japan dagegen habe versucht, das Problem über die Geld- und Fiskalpolitik zu lösen und habe zehn Jahre an den Folgen gelitten.

Gute Noten für Aufwertung von IWF und Weltbank

Als glänzenden Schachzug wertete Geldexperte Prof. Dr. Spahn den Ansatz, die Weltkonjunktur über den Internationalen Währungsfonds IWF und die Weltbank zu stimulieren: „Die strittige Diskussion über weitere nationale Konjunkturpakete ist damit umgangen, dass der Finanzrahmen von IWF und Weltbank erhöht wurde und vor allem Schwellen- und Entwicklungsländer mehr Mitspracherechte bekommen.

Dabei begrüßte Volkswirtschaftler Prof. Dr. Beißinger vor allem die Weltbank-Mittel für arme Länder: „In diesen Ländern sind die Preise für Lebensmittel teilweise um 20 Prozent gestiegen – und das, obwohl die Weltmarktpreise gleichzeitig um 30 Prozent fielen.“ Grund dafür sei die Kapitalflucht aus den Entwicklungsländern: „Da ausländisches Geld abgezogen wird, verfällt in diesen Ländern natürlich die eigene Währung.“

Leichte Skepsis äußerte Prof. Dr. Beißinger deshalb auch, ob die IWF-Mittel in vollem Umfang der Konjunkturbelebung zu Gute kämen: „Ein Teil davon wird sicher genutzt werden, um Währungen stabil zu halten.“

Regulierungspläne für Hedgefonds greifen zu kurz

Nicht weit genug gehen den Wirtschaftswissenschaftlern dagegen die Pläne zur Finanzmarktregulierung – vor allem was die Ausnahmen bei der Aufsicht über Hedgefonds betrifft: „Laut Abschlusspapier sollen nur die großen Fonds kontrolliert werden, die zum systemischen Risiko werden könnten – eine Regelung, die ich für bedenklich halte“, wertete Prof. Dr. Beißinger.

Seine Bedenken: „Ausnahmen regen immer zu phantasievollen Neugestaltungen an – etwa, in dem große Fonds in viele kleine zerlegt werden. Ganz abgesehen davon, dass viele kleine und unkontrollierte Hedge-fonds in ihrer Summe ein sehr hohes systemisches Risiko aufweisen können.“

Unbeantwortet sei laut Prof. Dr. Spahn auch die Frage, wie eine neue Aufsicht im Notfall handeln könne: „Bis jetzt gibt es nur den Auftrag zur Beobachtung. Die Frage bleibt: was macht man dann?“ Dagegen zeige das Beispiel Spaniens, dass jedes Land auch schon im Alleingang schärfere Regeln erlassen könnte: „Die Spanier haben ihren Banken manche Dinge einfach verboten – und trotzdem am gemeinsamen Markt teilgenommen. Die Praxis zeigt also gegen die Theorie: es geht doch.“

Maximalerfolg im Kampf gegen Steueroasen

Als Erfolg werteten die Fachleute dagegen die Listen für Steueroasen – trotz der berechtigten Kritik, dass die schwarze Liste nur vier Länder umfasse, während die bekanntesten Steueroasen in einer wesentlich weniger imageschädlichen grauen Liste zusammengefasst seien.

„Solche Listen sind eine Basisvoraussetzung, damit jede Regulierung greift. Insofern ist es schon ein großer Erfolg, dass es so eine graue Liste gibt“, kommentierte Prof. Dr. Beißinger. Schließlich seien auch sehr große und politisch einflussreiche Länder dabei, die selbst einmal solche Steueroasen eingerichtet hätten. „Vor diesem Hintergrund war sicher nicht mehr zu erwarten. Im Gegenteil – es hätte viel schlimmer kommen können“, so der Wirtschaftswissenschaftler.

Aufsichtsräte sollten stärker haften

Scharf gingen die Professoren dagegen mit den Aufsichtsräten und ihrem Versagen bei der Unternehmensaufsicht ins Gericht: „Die Krise hat gezeigt, dass einigen Aufsichtsräten ihre Aufgabe offensichtlich nicht klar war“, sagte Prof. Dr. Hachmeister.

Für ihn ein Grund, über die Frage der Haftung für Aufsichtsräte nachzudenken. „Inzwischen ist der Posten des Aufsichtsrates meist keine ehrenamtliche Nebentätigkeit, sondern gut genug dotiert, dass man entsprechendes Engagement und Sachverstand erwarten könnte.“

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Weitere Informationen: >> Expertenliste Wirtschaftskrise – Universität Hohenhein

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