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ETHIKER DAS ONLINEPORTAL - Donnerstag, 26. April 2018

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Entwicklungshilfe Konkret – Berichte aus Malawi II

Manfred Schieß in Afrika

Kambewe – Malawi 14. Juni – 21. Juni

Fortsetzung der >> Entwicklungshilfe konkret – Berichte aus Malawi:

Manfred Schieß in Afrika:

… jetzt sind wir damit beschäftigt, unser Material (z.B. Fotos) aus dem Projektgebiet auszuwerten, das Projekt Agreement (Vertrag) und den Antrag an das BMZ in Englisch und Deutsch mit allen Beteiligten abzustimmen und alle noch fehlenden Informationen einzuholen. Die Abstimmung mit anamed international in D ist weitaus schwieriger als ich mir das vorgestellt hatte, da selbst in Lilongwe, Email nicht so funktioniert, wie ich das gewohnt bin. Ich konnte z.B. den für anamed vorbereiteten Anhang in Lilongwe nicht anhängen, obwohl sonst die Email funktioniert hat.

Letzten Sonntag (8.6.) haben wir nach langem Suchen herausgefunden, dass eine US-NGO (Nichtregierungsorg.) hier Email direkt per DSL ueber Satellit betreibt. Freundlicherweise ließ uns die NGO unsere Mails holen und verschicken – es funktionierte so schnell wie in D!!! So konnte ich auch erfolgreich meinen 1. Bericht verschicken. Sie erlauben uns dann und wann als mal ne halbe Stunde oder so!
Morgens waren wir noch in Chongoni in einem presbyterianischen Gottesdienst – 3 h lang mit Tanzeinlagen. Dann kehrten wir wieder nach Dedza zurück, wo ich im selben Guesthouse nun ein anderes Zimmer bezog.

Jetzt schreibe ich diesen Bericht auf Nelsons Laptop in der Rezeption “meines” Guesthouses, da es nur da eine Steckdose gibt und die Akkukapazität gerade noch ausreicht, um bei einem der häufigen Stromausfälle speichern und herunterfahren zu können. Das ist bestes Gehirntraining hier: ich muss mich trotz lauter Radiomusik und regem Publikumsverkehr auf meinen Bericht konzentrieren.

Zunächst noch eine Bemerkung über Toiletten: Eingeritzt in den Putz der Außenwand der Toilette neben “unserem” Haus in Nyama 2 ist ein Spruch, den Nelson so übersetzt: “Niemand kann dem Tod entfliehen, liebe Brüder und Schwestern.” Wie wahr, ganz besonders hier, wo bislang der Tod oft viel zu früh kommt. Offenbar wird auch hier auf “stillen Örtchen” philosophiert. Bisher habe ich übrigens noch keine einzige stinkende Toilette erlebt, die Pit-Latrinen haben meistens Steinplatten oder Holzstempel zum Abdecken der Öffnung. Bei den WCs funktionieren allerdings die Wasserkästen meist nicht richtig.

Laut Zeitung “The Nation” (Motto direkt unter dem Titel: “Freedom of expression the birthright of all”) wächst der Hunger in Malawi, da der steigende Dieselpreis (wurde gerade um 25% erhöht) sehr zu den steigenden Nahrungspreisen beitrage. In Dedza scheint die Situation nicht so schlimm, da durch die Berge Wasser vorhanden ist und damit eine bessere Ernte eingebracht werden konnte und z.T. immer noch bewässert werden kann. In anderen Gebieten – z.T. auch in unserem Projektgebiet beklagen die Leute, die Regen seien nicht ausreichend gewesen. – Die Zeitung bemüht sich, ihrem Motto gerecht zu werden. Sie berichtet recht kritisch ueber die Innenpoltik. Z.Z. blockiert die Opposition gerade die Verabschiedung des neuen Haushalts im Parlament.

Nachtrag zu dem Anamed-Seminar, das Nelson im Chongoni-Zentrum vom 9. bis 13.6. gehalten hat: Die TeilnehmerInnen, die alle von Gesundheitsstationen kamen, lernten anhand des medizischen Gartens, der am Zentrum unterhalten wird, wesentliche Heilpflanzen wie Artemisia A3, Moringa oleifera, Guava, Chili, Knoblauch usw. Kennen. Sie produzierten in dieser Woche Tees, Oele, Salben aus diesen Pflanzen. Sie lernen die Vermeidung und Behandlung von Malaria, Durchfall, Hautkrankheiten, Wunden und der Gebrechen von AIDSkranken. Wasserreinigung mit Moringa-Samen und einem Sandfilter werden erklärt. Auch wird ein solare Kochkiste benutzt. Im medizinischen Garten des Zentrums erkennen wir ein grosses Problem von Artemisia A3: Dies ist ein Hybrid mit dem 20fachen Wirkstoffgehalt gegenüber der Wildpflanze. Man darf also die Pflanze nur über Stecklinge vermehren, wenn man den Wirkstoffgehalt erhalten will. Benutzt jemand Samen von einer solchen Pflanze ist das nicht gewährleistet. Nelson will daher ein Blatt auf Englisch und Chichewa erstellen, das eindringlich darauf hinweist, dass Artemisia nur über Stecklinge vermehrt werden darf.

Bei den Mahlzeiten in der Kantine des Zentrums treffen wir öfters Leute, die gerade eine Malaria-Attacke haben. So kann die Wirksamkeit des A3-Tees auch gleich praktisch gezeigt werden. Beim Frühstück mischen wir alle wenigstens einen gehäuften Teeloeffel Moringa-Pulver in das Porridge. Wir haben so zusammen mit den Salaten und Gemüsen der übrigen Mahlzeiten sicher keinen Mangel an Vitaminen und Mineralien – Eiweiss erhalten wir mehr im Zentrum als genug. Zum Frühstück trinke ich auch immer eine Tasse A3-Tee zur Malaria-Prophylaxe. Beides, Moringa-Pulver und A3-Tee, nutze ich auch im Guesthouse, wo es anfänglich Befremden hervorgerufen hat. Inzwischen wollte mir schon jemand mein Päckchen A3-Pulver abkaufen. Ich musste ihn allerdings an Nelson verweisen. Mir bekommt die Kombination Artemisia und Moringa oleifera-Pulver bestens, ich fühle mich top fit.

Allerdings musste Nelson inzwischen leider erkennen, das Moringa oleifera hier in Dedza auf 1600 m NN (s.u.) wegen der Kälte nicht wächst. Das Pulver stammt von einer Anamed-Gruppe am Malawi-See, wo es wesentlich wärmer ist. Wir müssen also hier und in unserem Projekt auf Mor. stenopetala umsteigen, die in Aethiopien bis 2.100 NN gedeiht und ähnlich gute Eigenschaften besitzt. Ich werde also bei nächster Gelegenheit meinem Freund Fekadu Aleka in Aethiopien eine Mail senden, ob er uns Samen dieses Baumes schicken kann. Jeden Samstag fliegt Ethiopian Airways non-stop von Addis nach Lilongwe… Nelson und ich leben hier also ganz “gesund”: Wir haben beste Ernährung und Gehirntraining (auch infolge der verschiedenen Sprachen, in denen wir uns dauernd ausdrücken müssen) und genug physische Bewegung, da wir jeden Tag 5 bis 12 km zu Fuß unterwegs sind, da wir meist ja kein Auto zu Verfügung haben.

Dedza liegt wie ein U um den langgestreckten Rücken des Dedza-Gebirges – und wir haben manchmal auf der einen und dann wieder auf der anderen Seite zu tun. Es ist also für alles gesorgt, was auch insbesondere für meine Altersgruppe empfohlen wird!

Nachtrag zum Besuch im Dorf Undi von Nelsons Frau am 14.6.: Dieses Dorf in der Ebene im Vorland der Chongoni-Berge ist offensichtlich wesentlich besser gestellt als die Weiler im Projektgebiet: Die Böden sind besser. Die Maisernte ist gerade eingebracht worden. Der Mais wird jetzt von den Kolben gepellt, das halbe Dorf ist damit beschäftigt. In diesem Dorf gibt es auch einen kleinen Laden, etwa 1 km entfernt gibt es eine Primary School (Kl. 1 – 8) und eine Gesundheitsstation. Nelsons Frau trägt ihr bestes Kleid und freut sich sehr über unseren Besuch. Sie hat bisher Mais auf ihren Feldern geerntet und wird in den nächsten zwei Wochen die Erdnüsse einbringen. Dann wird sie mit der Ernte zu Nelson nach Dedza zurückkehren.

Wir treffen auch eine Frau, über deren tragisches Schicksal mir Nelson dann berichtet: Noch nicht einmal 4 Wochen nach ihrer Heirat 2002, wurde sie von bewaffneten Raeubern schwer verletzt. Sie lag 3 Monate im Krankenhaus, das zum Glück vom damaligen Arbeitgeber ihres Mannes – dem Chongoni Training Centre – bezahlt wurde. Aber noch heute bricht die Hauptwunde manchmal wieder auf, wenn die Frau stark husten muss. Sie kann auch keine Kinder mehr bekommen, was für eine Afrikanerin sehr schlimm ist. Bisher haelt ihr Mann zu ihr…

Beim Mittagessen – auch hier essen die Maenner von den Frauen getrennt – unterhalte ich mich mit einem jungen Primary-School-Lehrer ueber das Schulsystem: Die Primary School ist kostenlos (abgesehen von den Schuluniformen, den Schulmaterialien usw.), hat 8 Klassen. Ab der 6. Klasse ist Englisch Unterrichtssprache und Chichewa nur noch ein Fach. Die Sekundarschulen kosten pro Trimester etwa 25 Euro Schulgebuehren, mit Internat das Doppelte! (Ein ungelernter Arbeiter erhält bei der Regierung als Tageslohn 100 Kwacha, das sind noch nicht einmal 50 Eurocent: 1 E = 216 Kwacha z.Z. In der Privatwirtschaft wird oft noch weniger bezahlt!).

Am 17.6. bricht der linke Bügel meiner Brille ab, meine Ersatzbrille hat keine Gleitsicht, ich muss sie zum Lesen immer abnehmen. Nelson kennt einen “Fundi” der Radios repariert, er kann den Bügel vielleicht löten. Wir haben am 16. und 17.6. nun alle Behörden in Dedza aufgesucht, die Karten ueber den Distrikt und damit über unser Projektgebiet haben können. In fast jeder fanden wir auch – nach langem Warten, bis entweder der zuständige Officer endlich wieder in seinem Büro erschien und/oder wir an der Reihe waren – eine Karte. Wir durften auch immer die Karten abfotografieren. Jedoch sind sie alle veraltet und jeweils nur auf bestimmte Informationen spezialisiert: Die eine enthält nur Orte und “Strassen”, aber keine Flüsse und Höhenangaben, auch keine Gebirge. Die nächste enthält zwar Höhenlinien (in feet), aber kaum Orte und Bergnamen und keine “Straßen”.

Schließlich fanden wir im Landwirtschaftsamt immerhin eine alte 1:50.000 Karte, die unser Projektgebiet passabel zeigt, wenn auch die Namen der Weiler fehlen und diese kleiner als heute sind: Der Kambewe-Berg, der dem Gebiet den Namen gibt, ist also etwas ueber 1800 m hoch. Dedza liegt allerdings in den meisten Stadtteilen viel höher als wir bislang angenommen hatten, nämlich 1600 m NN! Die Fotos haben wir in Nelsons LP eingespielt. Wir wollen dem BMZ-Antrag eine CD beifügen, die Fotos vom Projektgebiet und PPSerien über Artemisia, Moringa, Jatropha und Leucena based farming, sowie Karten enthält. Wir hoffen, dass wir in einem der Büros in Dedza einen Computer finden, mit dem wir CDs brennen können.

Am MI 18.6. waren wir mit Robin in Dedza. Wir wollen einen Anhang an anamed int. mailen, Plan und Materialliste für eine Gesundheitsstation sowie Samen und Pflanzenpulver von einem großen anamed-Garten am Malawi-See erhalten. Ich möchte außerdem eine Sonnenschutzchreme (insbes. fuer meine Nase) und in der Tanzania High Commission ein Visum für Tanzania auftreiben. Den Mailanhang können wir nicht verschicken, wir erhalten nur einen Plan für ein – für uns viel zu großes – Gesundheitszentrum und meine Ziele erreiche ich alle nicht – aber die Samen und das Pulver bekommen wir immerhin.

Am DO 19.6. kalkulieren wir den ganzen Tag lang die detailliert Kosten der Anlage des Medizingartens und der Geräte, die zur Produktion der Pulver, Salben, Tinkturen usw. daraus benötigt werden.

Am FR 20.6. erarbeiten wir in ausführlichen Diskussionen zusammen mit einem Arzt den Grundriss und die Dimensionen “unseres” Gesundheitspostens und der Entbindungssation. Falls möglich, hänge ich ihn an den Bericht an.

Ich erhalte meine Brille hervorragend gelötet zurück! Ich hätte nicht gedacht, dass eine Reperatur so möglich ist, dass ich den Bügel sogar noch einklappen kann. Der Fundi hat es geschafft – und will, da er ein Freund von Nelson ist, noch nicht einmal etwas dafür nehmen. Mit Mühe dränge ich ihm 1.000 Kwacha auf… Heute, am SA 21.6. kalkulieren wir nun die Einrichtung und die benötigten medizinischen Geraete. Ich hoffe sehr, dass ich diesen Bericht morgen tatsächlich verschicken kann.


Größere Kartenansicht
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Webtipp: >> Entwicklungshilfe Konkret – Berichte aus Malawi

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Ein Kommentar zu “Entwicklungshilfe Konkret – Berichte aus Malawi II”

  1. Re: Wenn manche nichts zu essen haben, sollen doch die anderen einfach mehr esse - IG Metall verhandelt mit Fujitsu Siemens… « Essen Infos

    […] > Ich freue mich schon auf das Argument, dass die Manager auch mal > > weniger verdiehnen sollen! Das bleibt dann übrig, wenn […]

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