Manfred Schieß in Afrika
Entwicklungshilfe konkret - Berichte aus Malawi III
Kambewe - Malawi 21. Juni - 28. Juni

Fortsetzung der >> Entwicklungshilfe konkret - Berichte aus Malawi II:
Manfred Schieß in Afrika:
… (fast) alle haben hier ein Handy – nur ich nicht – und die Leute in unserem Projektgebiet. In allen Dörfern, in denen wir bisher waren, funktionierte das Handy von Nelson, in Kambewe aber gibt es keine Verbindung! Deshalb wollen wir in der Gesundheitsstation einen Radiocall installieren, um bei Notfällen den Ambulanzwagen vom Dedza-Hospital kommen zu lassen. Gäbe es in Kambewe das Mobilfunknetz, könnten wir hier einige Tausend Euro einsparen.
Ohne das Handy wären wir nicht in der Lage, in den 5 Wochen alle für die Planung und den Antrag des Projekts benötigten Informationen zu beschaffen. Wir vertelefonieren pro Tag meistens 1 bis 2 Euro, manchmal auch mehr. Da er das nicht finanzieren kann, was ihm sehr peinlich ist, wurde mir schnell klar, dass anamed ihm kein regelmäßiges Gehalt bezahlen kann, obwohl er sich ganz für anamed einsetzt. Nur, wenn er ein Seminar o. ä. hält, bekommt er dafür ein Honorar, das dann von der einladenden Organisation finanziert wird. Für das einwöchige Seminar in Chongoni erhielt er neben freier Unterkunft und Verpflegung z.B. 8.400 Kwacha, ca. 39 Euro. Er hat also größte Probleme, Miete, Strom, Wasser hier in Dedza zu bezahlen.
(Der Laptop gehoert anamed. Ohne ihn wäre unsere Arbeit auch fast unmöglich.) Lebensmittel erwirtschaftet zum grössten Teil seine Frau mit ihrer Feldarbeit. Für die Schulkosten der drei Nichten, die bei ihm wohnen, liefern seine Brüder meist Naturalien, die aber oft wohl nicht ganz die Kosten decken. Ich halte ihn daher diesen und nach Möglichkeit auch noch die beiden nächsten Monate über Wasser… Schließlich konnte er neulich auch eine Einladung zu einem Vortrag beim Peace Corps in Suedmalawi wegen unserer Arbeit nicht wahrnehmen. Er hat anamed Malawi sehr gut aufgebaut, mit mittlerweile etwa 200 Mitgliedern, die über das ganze Land verteilt sind. Er erhält oft Anrufe mit Fragen oder Einladungen und auch wir telefonieren oft mit Leuten in den unterschiedlichsten Landesteilen, um Fragen zu klären oder Samen und Blattpulver von Pflanzen zu erhalten, die hier wegen der Höhenlage nicht zu finden sind.
Er ist sehr engagiert, hat hervorragende Kenntnisse und managed die Projekte, die er anpackt, sehr gut. Vor allem bringt er auch bei seinen Seminaren andere Menschen dazu, sich für die natürliche Medizin einzusetzen. Z.B. hat er in Dedza einen Medizingarten angeregt, der mittlerweile sehr gut ohne sein Zutun läuft. Das ist ja genau das Ziel, das alle “Entwicklungsarbeit” verfolgt. Ich hoffe daher, dass ich nach meiner Rückkehr nach D ein paar Leute finden kann, die vielleicht mit mir zusammen im Monat 200 Euro an anamed für ein “Gehalt” von Nelson spenden. Das wäre etwas mehr als das Gehalt einer Krankenschwester, die monatlich 135 Euro plus 35 % Einzahlung in eine Art Renten- und Krankenversicherung erhält.
Nun aber wieder zu unserer eigentlichen Arbeit: Am Montag beauftragten wir ein Bauunternehmen, uns einen Kostenvoranschlag mit Materialliste für die von uns skizzierten Gebäude zu liefern. Wir erhielten alles vereinbarungsgemäß am Donnerstag. Bis Freitag Mittag hatten wir dies dann in unsere Excel-Tabelle nebst allen anderen Kostenschätzungen – z.B. auch die für Medikamente - eingearbeitet. Leider zeigte sich, dass wir bei ca. 70.000 Euro lagen, weit über der Höchstgrenze von 50.000 Euro (wovon das BMZ höchsten ¾ übernimmt), die das BMZ für das erste Projekt einer NGO setzt. So schwer es uns fällt, sehen wir nun keine andere Möglichkeit, unter diese Grenze zu kommen, als die Entbindungssation – bislang das zweite große Gebäude – zu streichen. Wir hoffen nun, dass im Falle von Schwangerschafts- und anderen Notfällen dann auch wirklich der Ambulanzwagen (es gibt in Dedza wohl nur einen, den ich diesen Morgen gerade mit Blaulicht gesehen habe) rechtzeitig kommt, damit die Menschen in Kambewe nicht mehr unnötig viel zu früh sterben.
Dedza hat keinerlei Straßenbeleuchtung – auch nicht an der geteerten Hauptstraße. Wenn wir abends zu lange gearbeitet haben, sind wir nun schon öfter bei Nacht (um 18 Uhr ist es stockdunkel) zu meinem Guesthouse zurückgegangen. Bei Vollmond und klarem Himmel ist das kein Problem, doch nun haben haben wir Halbmond und manchmal auch Wolken davor. Ein paar Häuser haben Außenbeleuchtung, aber es gibt große Strecken, wo man nur sieht, wenn gerade ein Fahrzeug mit Licht kommt. Öfters allerdings fahren sie auch ohne Licht – auch habe ich bereits 3 Autos ohne Nummernschilder im Einsatz gesehen! Als Fußgänger lebt man hier bei Nacht also echt gefährlich, da man – wenn irgend möglich – auf dem Asphalt geht, um den Löchern auf den ungeteerten Fußpfaden neben der Straße zu entkommen… Ich schalte dann manchmal – vermutlich als einziger unter den vielen nächtlichen Fußgängern in Dedza – meine Taschenlampe an, die ich jetzt immer mit mir herumtrage.
Heute vor einer Woche – am 21.6. - wurde der neue König des Volkes der Ngoni in seinem Palast ca. 20 km südlich von hier in sein Amt eingeführt. Die Ngoni sind eines der großen Völker in Suedtansania (bei Songea), Zentralmalawi und Nordmosambik. Der CHC-Sekretär Robin Nagalande, der in unserem Projektteam fuer CHC mitarbeitet, war ein Klassenkamerad des Königs und daher eingeladen. Der Präsident von Malawi und auch jede Menge Prominenz der Nachbarländer war zugegen, die Zeitung widmete der Zeremonie eine volle Seite.
Nachdem die Zeitung über Hunger in Malawi berichtet hatte, schaltete das Agrarministerium eine große Anzeige, dass – wie laut meiner Frau Maria auch 3sat in Europa berichtet hat – Malawi einen Maisüberschuss geerntet hat und deshalb eigentlich niemand in Malawi hungern müsste. Man würde sich bemühen, den Leuten, die infolge schlechter Ernte hungern, zu helfen. Allerdings höre ich, dass sich der Maispreis in einem Jahr VERDREIFACHT hat, der Reispreis (der viel höher ist) verdoppelt. Die Löhne haben da in keiner Weise mitgehalten – einem Arbeiter hat die Regierung den Tageslohn von ca. 70 auf 100 Kwacha (ca. 46 Eurocent) angehoben. Das reicht natürlich in keiner Weise (selbst fuer eine Person nicht), um sich satt zu essen, wenn man nicht selbst ernten kann…
Gleichzeitig berichtet die Zeitung, dass die Regierung Maisueberschüsse nach Zimbabwe verkauft. Die malawische Opposition fordert, dies wenigstens mit Forderungen nach fairen Wahlen an Mugabe zu verbinden – was die Regierung strikt mit dem Argument ablehnt, Geschäfte dürften nicht mit Politik vermischt werden!
Am Mittwoch hatte ich ein Riesenproblem: Der Bankautomat behauptete plötzlich permanent, meine PIN sei falsch und gab mir auf meine Visakarte kein Geld mehr. Die Bankangestellten sagten, das sei möglicherweise ein Internetproblem. Aber niemand konnte mir das sicher sagen. Vielleicht spinnt ja auch der Computer bei meiner Bank in Berlin? Da ich damit nicht gerechnet hatte und auch noch eine Rechnung von 6.000 K zahlen sollte, musste ich in das “Leihkarusell” einsteigen: Ich lieh also 8.500 K von Nelson, die dieser allerdings vorher von einem Freund beschaffen musste… Da auch am Abend der Automat immer noch gleich reagierte, arbeitete ich einen “Notfallplan” aus.
Wenn die Auszahlung auch am DO Morgen nicht klappen würde, wollte ich alle Hebel in Bewegung setzen, um eine ausführliche Mail an meinen Schwiegersohn Alexander zu schicken, der langjährige Erfahrung mit Visa bei derselben Bank hat. Vielleicht könnte er das Problem mit der Hotline der Bank lösen oder zumindest herausfinden, ob es wirklich nur ein Internetproblem ist. Ich war also übergluecklich, dass der Automat am DO Morgen dann wieder ganz normal Geld herausgab und ich meine Schuld begleichen konnte und Alexander nicht bemühen musste. Schlimm nur, dass der Automat in solchen Faellen nicht den wahren Grund der Weigerung angibt! (Ganz fuer den Notfall habe ich noch einige Dollar in bar und einige Euro-Reiseschecks dabei, aber das würde mich bis zum Treffen mit Iris und Alexander Ende Juli in Dar es Salaam schon zu einer schweren Einschränkung zwingen.)
Nächste Woche wollen wir – sobald wir es geschafft haben, das Projekt unter 50.000 Euro zu drücken – nochmals in Kambewe mit den Leuten alles besprechen. Am Wochenende wollen Nelson und ich noch eine Anamedgruppe in Salima am Malawisee besuchen und von dort dann nach Norden Richtung Tansania starten. In Nordmalawi baut eine chinesische Firma Uran ab. Falls man da z.B. die Abraumhalden (die hoch radioaktiv sind) sehen kann, wollen wir einen Abstecher zu dieser Mine machen. Es gibt in Malawi einige NGOs, die leider vergeblich gegen dieses Projekt gekämpft haben. Die Regierung betrachtet das wohl als gutes Geschäft… Die – wenn ich mich richtig erinnere – mindestens 3000 Fälle von Lungenkrebs bei den ehemaligen Arbeitern der Wismuth in der eh. DDR lassen erahnen, was auf die malawischen Arbeiter zukommt…
Von dort wollen wir dann über Mbeya nach Mpanda in Westtanzania fahren, wo ein großes Jatrophaprojekt von Prokon (Itzehoe) ist. Das wollen wir uns in Ruhe anschauen. Anschließend fährt Nelson nach Dedza zurück und ich – hoffentlich doch mit dem Zug – nach Dar. Die Zentralbahn in Tanzania wurde nämlich an eine indische Firma verkauft. Seitdem gab es Streiks der Bahnangestellten, und Iris schickte mir eine Mail mit den Gerücht, dass der Betrieb wohl eingestellt wurde… Damit möchte ich auch sagen, dass ich vielleicht am nächsten Wochenende keinen Bericht senden kann und es fraglich ist, wann es mal wieder klappt. Ich muss eben erst dann mal wieder einen Ort mit funktionierendem Internetcafe erreichen, in dem ich genügend Zeit beanspruchen kann, um einen Bericht zu schreiben, da wir den Laptop natürlich nicht mit auf die beschwerliche Busreise nehmen können…
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Webtipps:
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