ETHIKER

News Online

Twitter

Twitter
@EthikerNews

ETHIKER DAS ONLINEPORTAL - Montag, 11. Dezember 2017

PHILOSOPHIE
PERSONEN
DOWNLOAD
COMMUNITY
KONTAKT
IMPRESSUM
» ethiker.com kaufen

Entwicklungshilfe konkret – Berichte aus Malawi IV

Manfred Schieß in Afrika

Kambewe – Malawi 30. Juni – 05. Juli

Fortsetzung der >> Entwicklungshilfe konkret – Berichte aus Malawi III:

Der Antragsentwurf für die geplanten Projektmaßnahmen ist fertig:

Zu Projektbeginn werden CHC und anamed Malawi den Gesundheitszustand aller Menschen im Projektgebiet dokumentieren. Speziell soll der Prozentsatz von Menschen mit AIDS im fortgeschrittenen Stadium und Fehlernährung der Kinder unter 5 J.  ermittelt werden. Ferner soll erfragt werden, wie viele Kinder unter 5 in den letzten drei Monaten Fieber hatten. Auch sollen die Todesfälle und – falls möglich auch die Ursachen – in jeder Familie im Jahr 2008 aufgenommen werden.

Am Ende der Projektlaufzeit soll diese Untersuchung von den Angestellten der Gesundheitsstation wiederholt werden. So kann der  Effekt des Projekts festgestellt werden.

Bau einer Gesundheitsstation , die von einem erfahrenen Medical Assistant und einer Krankenschwester betreut wird. Die Station wird täglich inkl. Samstags geöffnet sein. Nacht-, Sonn- und Feiertagsdienst gibt es nur in Notfällen. Die ersten zwei Jahre werden Behandlung und Medikamente kostenlos sein. Im dritten Jahr sollten die Leute ein Einkommen durch den Verkauf von Jatrophaöl (ca. 10.000 Liter, s.u.) erzielen können. Deshalb werden sie ab dem dritten Jahr an den laufenden Kosten und denen der Medikamente etw zur Hälfte durch eine Behandlungsgebühr beteiligt.

Ab dem vierten Jahr sollen sie diese Kosten voll aufbringen, wie es in allen anderen Gesundheitsstationen von CHC jetzt schon der Fall ist. Die Regierung uebernimmt durch CHAM ab 2010 die Gehälter für die beiden Angestellten und den/die RaumpflegerIn. Die Station erhält für Impfungen usw. einen Kerosin-Kühlschrank, der später evtl. mit Jatrophaöl betrieben werden kann. Auch zwei Dienstwohnungen werden errichtet.

Das Baugelände wird von der Gemeinde kostenlos zu Verfügung gestellt. Fließendes Wasser wird durch Schwerkraft von einem Bach oberhalb der Station über ein Kies- und Sandfilter in diese und die Dienstwohnungen geleitet. Die Station wird mit Solarstrom versorgt und erhält einen Radiocall, um bei Notfällen die Ambulanz von Dedza rufen zu können, da das Mobilfunknetz Kambewe nicht erreicht. Einzelheiten der Möblierung und Ausstattung mit Medikamenten usw. können dem Finanzplan (s.u.) und der Liste „prices of med equipm“ auf der CD entnommen werden.

Da Männer das Gebiet zeitweilig verlassen haben, um Geld zu verdienen, stellt auch hier AIDS ein Problem dar. CHC wird daher 14 Einheimische zu Home Based Car Providers ausbilden.

CHC wird auch einige Einheimische in Ernährungslehre und Hygiene unterrichten, so dass sie diese Kenntnisse in ihren Weilern weitergeben können.

Anamed Malawi wird einen Medizingarten bei der Gesundheitstation anlegen, um  Pflanzenmedizin für die Gesundheitsstation zu erzeugen, z.B. Artemisia annua anamed (A3) um Malaria zu bekämpfen.  Doch anamed international arbeitet in den Tropen mit mehr als 60 Heilpflanzen, Beispiele können im Anamed Seminarhandbuch eingesehen werden, das auf der beigefügten CD zu finden ist. Im ersten Jahr werden die Leute den Medizingarten ehrenamtlich als Teil ihres Beitrags zum Projekt aufbauen und betreiben. Im zweiten Jahr gibt es keine Gemeinschaftsarbeit mehr. Deshalb und um Pflanzenmedizin nach anamed-Standard zu erzeugen, werden dann sieben Leute Vollzeit hier beschäftigt. Im 3. Jahr, wenn die Leute in Kambewe bereits ein Einkommen durch Jatrophaöl erzielen koennen, soll die Hälfte der Löhne durch Verkauf der Pflanzenmedizin und Setzlinge erzielt werden, im vierten Jahr die vollen Löhne.

Anamed wird auch eine Saatzucht mit Baumschule bei diesem Garten anlegen, wo Moringa stenopetala, Jatropha curcas, Fruchtbaum-Setzlinge und verschiedene leguminose Pflanzen für das Projektgebiet erzeugt werden.

Anamed wird auch versuchen, mit den mindestens zwei traditionellen Heilern im Projektgebiet zusammenzuarbeiten, um ihr Wirken nach Möglichkeit mit dem der Gesundheitsstation in Einklang zu bringen.

Jede Familie wird mindestens 10 Moringa stenopetala-Bäume bei ihrem Haus pflanzen, um die Fehlernährung zu beenden. Sie wird von Mr. Nelson Moyo und seinen Kollegen von anamed Malawi trainiert werden, wie sie Moringa Blattpulver erzeugen und einsetzen kann, um sich damit mit den notwendigen Proteinen, Vitaminen und Mineralien zu versorgen.

Die Leute werden Ziegelsteine für die Gesundheitsstation brennen, Pfähle fuer Zäune schneiden und beim Bau der Gesundheitsstation sowie bei der Verbesserung von Furten an den Bächen und Flüssen helfen. Letzteres ist notwendig, damit die Patienten sicher die Station erreichen können. (Die Furten werden durch Zementieren und auch dadurch sicherer gemacht, dass ein Pegel angebracht wird, der den Leuten bei Regen anzeigt, wann sie nicht mehr sicher durch den Fluss waten können.)

Die Landwirte werden vom Ministry of Agriculture und CADECOM trainiert werden, Konturlinien anzulegen und Bodenerosion zu stoppen.

Die Leute pflanzen auch Jatropha curcas an den steilen, bisl(ang ungenutzten Hängen und an anderen Stellen, wo Bodenerosion um sich greift. Wenn wir annehmen, dass jede der etwa 320 Familien  innerhalb der 3 Jahre 700 Jatropha-Straeucher pflanzt (mit 2m x 2m Abstand), so werden dies ca. 90 ha sein. Auf schlechten Böden erwartet man ca. 500 Liter Oel pro ha und Jahr (bzw. 200 ml pro Strauch) von dreijährigen Sträuchern. Also könnten im 3. Jahr ca. 10.000 Liter, im 6. Jahr ca. 45.000 Liter Öl produziert werden. Falls sie entsprechend viel Jatropha gepflanzt haben, werden die Leute im dritten Projektjahr sieben Handpressen für Jatrophaöl erhalten. Dies ermöglicht dann seine Nutzung in Lampen, für den Kerosin-Kühlschrank in der Station, zur Seifenherstellung. Evtl. können sie sogar Jatrophaöl z.B. an eine Maismühle verkaufen, deren  Dieselmotor dann mit diesem Öl betrieben wird. Der Presskuchen wird als Dünger und Bio-Pestizid verwendet, da er z.B. Ratten und Mäuse fernhält.

Die Landwirte werden von anamed Malawi und vom Ministry of Agriculture und CADECOM auch darin ausgebildet werden, wie sie durch Mischkulturen mit leguminosen Bäumen die Bodenfruchtbarkeit steigern, Brennholz gewinnen und Bodenerosion verhindern können. Wir hoffen, dass diese Kenntnisse mit dem Erfolg dieser Bauern von selbst auf die anderen Weiler ausserhalb des Projektgebiets überspringen werden.
_____________________

Dieses Konzept soll eine nachhaltige Entwicklung im Projektgebiet – und durch Nachahmung hoffentlich auch auf der anderen Talseite – in Gang bringen.

So konnten wir am DI dies dem District Health Officer (DHO) vorstellen. Er ist sehr aufgeschlossen und stellte viele Fragen, da ihm die natürliche Medizin als Schulmediziner neu ist. Leider hat er auch bürokratische Vorschriften. So muss anamed nun erst mal das Malawi Science and Research Council von der Wissenschaftlichkeit der Pflanzenmedizin überzeugen. Ich bin darauf eingestellt und habe auf meinem Stick eine halbe Bibliotehek mit Dokumenten und PPPs mitgebracht. Leider können wir in meiner für Malawi noch zu Verfügung stehenden Zeit keinen Termin dort bekommen. Nelson und Robin trauen sich leider nicht zu, das Council von diesem Approach zu überzeugen, obwohl ich ihnen die einschlägigen Dokumente überspielt habe. Nach dem Council muss natürlich auch noch das Ministry of Health zustimmen – doch das ist dann mehr eine Formsache. Nun habe ich zugesagt, in der letzten August- oder 1. Septemberwoche nochmals nach Lilongwe zu kommen (von Dar mit der TAZARA nach Mbeya, dann mit dem direkten Bus nach Lilongwe), falls Robin in dieser Zeit einen Termin beim Council bekommt. Andernfalls kann dies das Projekt um ein Jahr verzögern, da dann jemand von anamed international aus D – vielleicht gekoppelt mit einem Seminar kommen muss.

Auch möchte der DHO am liebsten das Projekt in die Gegend mit der höchsten Malariarate im Distrikt verlegen. Seine Leute haben nämlich gerade eine Untersuchung abgeschlossen, die zeigt, dass im letzten Jahr die Haelfte der 600.000 Einwohner des Districts Malaria hatten und in welchen Gebieten die Rate am höchsten ist. Das ist wegen der Höhenlage nicht in Kambewe der Fall. Wir versuchen ihn nun zu überzeugen, dass das Projekt trotzdem dort bleiben sollte, da es auch Fehlernährung und schlimmste Armut bekämpfen möchte.

Am MI waren wir nochmals – diesmal unangekündigt – in Kambewe. Ich war völlig baff! Die Leute haben begonnen, die durch die fehlende Brücke blockierte Zufahrtstrasse bachaufwärts zu verlegen – völlig ohne Unterstuetzung von außen! Die Umleitung ist schätzungsweise ca. 1 km lang und hat eine Furt, die ein Fahrzeug jetzt schon in der Trockenzeit passieren könnte. Wir konnten immerhin ca. 300 m der neuen Straße nutzen. Dann mussten wir allerdings wieder zu Fuss gehen, da die Leute mit ihren Hacken nicht in der Lage waren, bei einem ca. 200 m langen Stück auf der Bergseite so abzutragen (sie haben keine Pickel!), dass die Straße waagerecht wird. Bislang würde ein Fahrzeug nach der Seite überschlagen und ins Tal stürzen. Sie haben die Furt mit großen Steinen befestigt. Für die Regenzeit sollte sie allerdings noch mit Wasserdurchlassröhren und Zement haltbar gemacht werden. Auch haben sie selbständig eine Erosionsrinne mit Baumstämmen und Erde so überspannt, dass ein PKW darüberfahren könnte. Für die LKWs, die später Baumaterial für die Krankenstation bringen sollen, reicht aber u.E. die Tragfähigkeit dieser Brücke nicht aus. Da brauchen sie dickere Stämme! Nelson will nach seiner Rückkehr aus Tanzania organisieren, dass ein Strassenbauingenieur für ein paar Tage mit den Leuten in Kambewe arbeitet und auch das benötigte Werkzeug mitbringt.

Was sie da geleistet haben, hätte ich ohne äußere Unterstützung fuer unmöglich gehalten! Die Ortsvorsteher haben sich teilweise als echte Führungspersönlichkeiten entpuppt! Leider konnten wir einen der aktivsten nicht antreffen, da wir nicht angekündigt waren.
Auch dies ist “t. i. A.” (“that is Africa”), wie manche Briten bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegnheit zu betonen pflegen…

Wir hoffen nun nur, dass dieser tolle Schwung der Leute nicht dadurch völlig frustriert wird, dass die Bürokratie das Projekt um Jahre verzögert…

Religion hat hier ganz anderen Einfluss als in old Europe: Der Klerus (alle möglichen Denominationen inclusive Moslems ziehen hier am selben Strang!) hat in der Parlamentskrise vermittelt, um endlich den Haushalt durch die Opposition genehmigen zu lassen (sie kann ihn aufgrund eines gewissen Paragrafen blockieren). In Dedza weckte mich jeden Morgen um 5 Uhr der Müzzin. Freitags sieht man sehr viele Muslims in Tracht auf den Straßen, die unter der Woche wohl ganz normal gekleidet sind. Daher dachte ich nicht, dass der Anteil der Musleme so groß ist.
Die Zeitungen haben Sonntags immer eine Beilage “Religion”, in der Priester aller Denominationen Predigen und Traktate veröffentlichen.
Bei den Chichewa-Anzeigen sind manchmal auch welche von “Heilern”, die das Blaue vom Himmel versprechen. Nelson hat mir einige übersetzt.

Gestern Morgen sind wir nun mit einem Minibus nach Lilongwe gefahren. Dort erwartete – dank Nelsons Handy – eines der raren Taxis und brachte uns noch rechtzeitig zur Tanzania High Commission, sodass ich nun ein Visum für Tanzania habe. Nach dem Mittagessen holte uns Tony Finch ab, ein Brite, der mit einer Malawierin verheiratet ist und etwa in meinem Alter. Er ist Forstwirt und arbeitete mit der britischen Entwicklungszusammenarbeit seit 1964 in Tanzania, Uganda, Zambia, Malawi. 2002 kaufte er ein Cottage bei Salima am Malawisee, wo ich nun diesen Bericht tippe.

Ein Paradies, wir haben richtig Urlaub hier! Das Essen ist wie im 1st Class Hotel und wir sind intercontinental zusammengesetzt: 2 Nordiren, die gestern in Lolongwe ankamen, die Tony vom Flughafen abholte. Eine Peace Corps Frau in mittlerem Alter, ein Paar, anfangs 20 aus GB. Alle – ich auch – möchten Lucys (Tonys Frau) Projekt kennen lernen. Sie ist Krankenschwester und hat in der Stadt Salima (ca. 25 km von hier) ein “Palliative Care Centre” aufgebaut, in dem Leute, denen es wirklich dreckich geht, behandelt warden. Durch Nelson haben sie und Tony anamed und Pflanzenmedizin kennen gelernt und mittlerweile beim Zentrum einen großartigen Medizingarten angelegt.

Morgen ist Nationalfeiertag (Tag der Unabhängigkeit 1964), den wir wahrscheinlich noch hier verbringen werden. Morgen wollen wir dann nach Mzuzu Richtung Norden fahren.

Zum guten Schluss: Ich habe mir nun seit 5 Wochen doch einen Bart wachsen lassen, da ich mich gleich bei der ersten Nassrasur geschnitten habe (meine Haut ist nicht mehr so straff wie in den 80er Jahren, als ich mich 7 Jahre lang nass rasierte.) Das Infektionsrisiko ist mir zu groß, deshalb der Bart, der m.E. noch nicht mal schlecht aussieht – ich hoffe, Maria sieht das auch so.


Größere Kartenansicht
____________________

Twitter, Facebook ...

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.

Eigentümer und Herausgeber: Anke Pohl www.ethiker.com Das Copyright für veröffentlichte Publikationen, Objekte und Inhalte der Webseite verbleibt bei den Eigentümern.
Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle wird keine Haftung für die Inhalte externer Links übernommen. © www.ethiker.com
SSL Zertifikate

buero