Lubricat im Ballhaus Ost
GOLDENER BODEN - “Zuerst waren die Hände”
Berlin
Hebräische Bibelverse aus den Büchern Mose, zitiert von einem Tischler, der die alten Bücher selbst übersetzen möchte, klingen im Raum. “Zuerst waren die Hände, das Machen, das Werkzeug, dann das Gehirn und erst viel später das Wort…” Mit diesen Worten beginnt der Handwerker den Theaterabend im Ballhaus Ost in Berlin.

Es geht um das Machen, um den Bezug zu den Dingen, um Aktivität - um das Handwerk und um dessen Verschwinden. Am 3. Juli feierte das außergewöhnliche Stück “Goldener Boden: Das Verschwinden des Handwerks” der Berliner Schauspielformation Lubricat Premiere.
Das Ensemble aus Laien- und Profidarstellern gegründet auf dem Lubricat- Konzept: Forschungen in der Wirklichkeit entfaltet auf der Bühne ein sehr gelungenes besonders direktes Spiel von hoher Authentizität. Das Thema ist hoch aktuell. Konfrontiert mit den Thesen des Kultursoziologen Richard Sennett, der im Verschwinden des Handwerks einen tragischen, tiefgreifenden Verlust für die Gesellschaft erkennt, erzählen die Darsteller und Handwerker vom ihrem Lebensschatz, von ihren Wahrnehmungen, Wahrheiten, Erlebnissen und von der Kunst, die erst durch das Üben, durch das Machen und durch echte Erfahrungen entstehen kann.
Das effektive Maß einer Tätigkeit liegt zwischen oberflächlichem Pfusch und zwanghaftem Perfektionismus. Die Effektivitätskurve ist eine Exponentialfunktion, die sich in Abhängigkeit der Zeit an ein Qualitätsmaximum anschmiegt. Das Optimum der Effektivität erreicht man nur mit Hilfe einer durch Übung gewonnenen Kompetenz. Diese Wahrheit rufen die Schauspieler eindrucksvoll ins Bewusstsein der Zuschauer. Jemand, der nicht selbst Hand anlegt, kennt also nur die halbe Wahrheit und besitzt wenig Gefühl für die Sache.
Um seine Kreativität auszudrücken braucht man durch Übung gemachte Erfahrungen. So weiß ein Musiker, der nicht musiziert nichts von dem erhebenden Gefühl, das sich einstellt, wenn man sein Handwerk des Spielens beherrscht und seiner Kreativität freien Lauf lassen kann - seine Vorstellungen in die Tat umsetzen und somit vielleicht ein Kunstwerk schaffen kann.
Die Gefahr, das uns der Bezug zu den Dingen verloren geht, lauert heutzutage überall. Benutzerfreundliche Programm- Oberflächen am Computer, die verschleiern, was im Rechner wirklich passiert, Fernsehprogramme die dazu verlocken, andere beim Leben zu beobachten, ohne selbst zu leben, Fertig- und Komplettbausätze, Billigartikel und All inclusive Angebote, die uns den Wert und Charakter der Dinge vergessen lassen, riesige Marketing- und Werbemaschinerien, die uns unsinnige Bedürfnisse suggerieren, bestimmen die Realität in unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Dabei liegt die Gefahr nicht nur im von Sennett beschriebenen Verlust, sondern auch in der Zerstörung unserer Umwelt und Ressourcen durch Maßlosigkeit.
Beispielsweise wird in “Goldener Boden” demonstriert, dass ein handgewebtes Tuch, das durch seine Qualität und seinen Charakter viele Jahre hält, auch seinen Preis hat. Immer weniger Menschen sind heute bereit, einen solchen Preis zu zahlen, da es in jedem Supermarkt entsprechend Tücher für ein paar Euro gibt. Im kurzzeitig gefühlten Schäppchen liegt jedoch ein riesiger Trugschluss. Die Billigtücher aus dem Supermarkt kann man nach relativ kurzer Zeit wegwerfen, da die niedere Qualität sich rasch im Aussehen bemerkbar macht und man wirft sie dann auch leidenschafslos weg, da man zu einem solchen Billigartikel keinen besonderen Bezug herstellt. Ganz zu schweigen davon, dass die Herstellung solcher Billigartikel sehr oft auf schlimmer Ausbeutung und Kinderarbeit in den Billiglohnländern fußt.
Solche und ähnliche Gedanken werden durch “Goldener Boden” angeregt. Das Theaterstück fördert damit eine aktive Auseinandersetzung mit Gesellschaft und Umwelt - den Weg aus der schon von Kant beschriebenen selbstverschuldeten Unmündigkeit hinaus.
Bis zum 27. Juli ist “Goldener Boden: das Verschwinden des Handwerks” im Ballhaus Ost zu sehen. Die Vorstellungen finden jeweils von Donnerstag bis Sonntag statt - Beginn: um 21.00 Uhr.
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Webtipps: >> www.lubricat.de
>> Fotostrecke zu Goldener Boden: Das Verschwinden des Handwerks










