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ETHIKER DAS ONLINEPORTAL - Dienstag, 20. Februar 2018

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Ökonomisierungswahn in der Jugendhilfe

Neue Ausgabe der Fachzeitschrift Kontext

Köln

dgsf

Der sogenannte „systemische Ansatz“ mit seiner Orientiertheit an Zielen, Lösungen, Ressourcen oder einer kurzen Zeitperspektive ist in der Sozialarbeit und besonders in der Jugendhilfe heute weit verbreitet. Allerdings müssten systemische Leitlinien nun auch „gegen den Strich gebürstet“ werden, denn die systemische Soziale Arbeit gerate zunehmend unter die „Knute des neoliberalen Ökonomisierungs- und Organisations- Entwicklungswahns“. Darauf macht Professor Wolf Ritscher in der jüngsten Ausgabe von Kontext, der Fachzeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF), aufmerksam.

Das generelle Ziel systemischer Sozialarbeit ist die Einbeziehung der sozialarbeiterischen Aspekte in die Beratung, Behandlung und Unterstützung von exkludierten (isolierten), gefährdeten, erkrankten und behinderten Menschen. Fokus ist die Person-in-ihrer-Welt im Rahmen eines biopsychosoziokulturellen Verständnisses von Gesundheit, Störung und sozialer Probleme. Probleme stellen danach eine Systemstörung entweder am Zweck des Systems oder in den Beziehungen der Systeme dar und gehören zweckorientiert gelöst.

„Das einseitige Beharren auf der Idee der Problemlösung entspricht dem Machbarkeitswahn der Moderne. So sagte zum Beispiel im Bundestagswahlkampf 1998 ein Wirtschaftspolitiker aus der Schröder-Mannschaft einmal: ‚Ich kenne keine Probleme, sondern nur Lösungen.‘ Wer sich dieser Haltung verschreibt, schafft einen Erwartungsdruck, der gerade kontraproduktiv für die Problemlösung ist. Und es liegt nahe, die misslungene Problemlösung den anderen in die Schuhe zu schieben, also ein ewig gleiches Täter-Opfer-Spiel zu inszenieren“, schreibt Ritscher in seinem Beitrag.

„Die Idee der Wirtschaftlichkeit“ verdrängt zunehmend auch in der Kinder- und Jugendhilfe „die pädagogische, psychologische sozial- kommunikative Perspektive“ Zugleich wird „in Sonntagsreden, Leitbildern, Internetauftritten, Hochglanzprospekten“ so getan, „als sei dies gar nicht der Fall“. „Notwendige teure Maßnahmen, zum Beispiel eine stationäre Unterbringung, finden trotz fachlicher Indikation nicht statt und werden mit Hilfe ambulanter Maßnahmen verschleppt.“ Die Folgen sind verheerend.

Zum systemischen Ansatz gehört eine vorausschauende Gestaltung des Wandels und der Entwicklung von Systemen, erklärt Ritscher. Dies ufere heute allerdings oft in einen „Umstrukturierungsaktionismus, der die Forderung nach Veränderung zu einem Ideologem im bereits definierten Sinne werden lässt“, aus. „Auch hier spielt natürlich der ‚Ökonomisierungswahn‘ eine wichtige, wenn nicht entscheidende Rolle: Soziale Arbeit soll für den Leistungserbringer billiger werden, und das bei möglichst gleichbleibender oder sogar steigender Qualität.“

Ritscher möchte mit seinem Beitrag nicht nur die aktuelle Situation in der Sozialarbeit kritisch beleuchten sondern auch „Ansatzpunkte für einen kritschen Gegenpol benennen – ganz im Sinne hegelianischer Dialektik: Nur durch den Widerspruch zum Bestehenden ist konstruktive Entwicklung möglich.“

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Webtipp: >> www.dgsf.org/themen/kontext

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