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Sixtinische Fresken – Altbekannte Bilder neu sehen

Buch von Dr. David Hornemann v. Laer sieht Michelangelos Deckenbilder im Vatikan neu und schiebt die Last von 500 Jahren Interpretationen beiseite

Witten / Herdecke

Foto: Dr. David Hornemann v. Laer

david_hornemannDer Auftrag von Papst Julius II. an den Malerfürsten Michelangelo war ganz einfach: „Mach, was du willst!“. Dabei heraus kam ein Deckengemälde, wie es die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte. Im Zentrum stehen neun Fresken, mit Motiven der Schöpfungsgeschichte. Michelangelo malte die Bilder von einem riesigen Gerüst aus mit besengroßen Pinseln in den frischen Putz der Gewölbedecke der päpstlichen Kapelle. Sie zählen zu den höchstrangigen und besterforschten Gemälden, begeistern seit 500 Jahren täglich bis zu 20.000 Besucher und verführen viele Wissenschaftler zu den kühnsten Interpretationen. Dagegen möchte der Kunstwissenschaftler Dr. David Hornemann v. Laer diese Fresken unbefangen sehen: „Zunächst ist man natürlich überwältigt, aber dann sollte man genau hinsehen und lernen, seinen Augen zu trauen“, beschreibt er den Ansatz in seinem Buch „Vom Geschöpf zum Schöpfer – Die Genesisfresken Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle“.

Dem Buch liegen herausnehmbare Abbildungen bei, damit man diese Fresken beim Lesen immer vor Augen hat. Kein Satz, so Hornemann v. Laer, sei losgelöst von den Bildern geschrieben worden. Sein Anspruch: Nur Aussagen über Beobachtungen und Erfahrungen an Michelangelos Gemälden zu machen, die von jedem nachprüfbar sind. Die bekannteste Szene ist die so genannte „Erschaffung Adams“. Hornemann v. Laer betitelt dieses berühmteste Fresko neu und nennt es „Annäherung zwischen Geschöpf und Schöpfer“, denn der halb aufgerichtete Adam liegt bereits erschaffen vor Augen und hebt aus eigener Kraft seinen Arm dem göttlichen Finger entgegen. „In 80 Prozent der Forschungsliteratur steht, dass sich die Finger berühren, was sie definitiv nicht tun“, schildert Hornemann v. Laer seine Erfahrungen. „Selbst auf der Internetseite der Vatikanischen Museen (http://mv.vatican.va/6_DE/pages/x-Schede/CSNs/CSNs_V_StCentr_06.html) kann man das lesen.“ Das mag zunächst etwas pingelig erscheinen, aber der Wissenschaftler sieht darin das Wesentliche seines Ansatzes: „Das ist eben die Kunst Michelangelos. Er malt so, dass wir als Betrachter die Szene unwillkürlich einen Schritt weiter denken. Der immer wieder zitierte ‚göttliche Funke‘ ist nicht zu sehen.“ Das hängt für Hornemann v. Laer auch mit der Malweise zusammen: „Der Schöpfergott scheint auf Adam zuzurasen, die Haare wehen im Fahrtwind, gleich scheint es zur Kollision zu kommen. Zugleich sieht man aber Merkmale wie einen sanft nach unten wehenden, abgeknickten Schleier, der dafür spricht, dass die Geschwindigkeit abrupt gebremst wurde. Michelangelo stellt demnach rasende Bewegung und Stillstand in ein und derselben Figur dar.“

Ebenfalls neu in dem aus der Doktorarbeit entstandenen Buch von Hornemann v. Laer: In der Literatur findet sich immer wieder die Behauptung, Michelangelo habe zahlreiche Berater und Gehilfen gehabt, mit denen zusammen er das riesige Gemälde inhaltlich konzeptioniert und geschaffen hat. „Aus meiner Sicht ist dies schlichtweg falsch. ‚Il divino‘, der Göttliche, wie er von seinen Zeitgenossen genannt wurde, brauchte weder theologische Berater, noch Malerkollegen. Er schuf aus eigener Schöpferkraft.“ Beim Betreten der Sixtinischen Kapelle erblickt man zunächst einen betrunken am Boden liegenden Noah. Es folgen acht weitere Szenen aus der Schöpfungsgeschichte, darunter der „Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies“, die so genannte „Erschaffung Evas“ und „Erschaffung Adams“. Die letzte Szene zeigt Gottvater, wie er Licht und Finsternis scheidet. „Michelangelo beginnt mit der Darstellung eines Geschöpfes, mit Noah und seinen drei nackten Söhnen und endet mit der Bild füllenden Gestalt des Schöpfers über dem Altar. Die neun Fresken begleiten damit den Weg des Betrachters durch die Kapelle vom Haupteingang im Osten bis zum Altar im Westen und beschreiben einen Weg, der beim ‚Geschöpf‘ beginnt und beim ‚Schöpfer‘ endet.“

Die neuerliche Untersuchung, welche erstmals den Fresken zugrunde liegende Gestaltungs- und Wirkungsprinzipien beschreibt, versteht sich nicht als eine weitere, letztgültige Gesamtinterpretation, sondern möchte den Leser dazu anregen, die weltberühmten Gemälde in ihrer Wirkung sehen zu lernen.

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Webtipp: >> www.uni-wh.de

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