ETHIKER

News Online

Twitter

Twitter
@EthikerNews

ETHIKER DAS ONLINEPORTAL - Dienstag, 12. Dezember 2017

PHILOSOPHIE
PERSONEN
DOWNLOAD
COMMUNITY
KONTAKT
IMPRESSUM
» ethiker.com kaufen

Wie „Cybermobbing“ und „Online-Trolle“ das Leben zur Hölle machen

Netzkultur

von Sandra Maxeiner und Hedda Rühle

Längst bestimmen Laptop, iPhone, iPad & Co. unsere alltägliche Kommunikation. Wir mailen, chatten, posten oder sms’en via Facebook, Twitter und Co. Auch der Einkauf bei Online-Shops ist beliebter denn je, weil er sich einfach und bequem mit ein paar Mausklicks erledigen lässt.

Doch die schöne neue Welt ist Segen und Fluch gleichermaßen. Jeder konnte beispielsweise verfolgen, wie auf Facebook oder Twitter ein sogenannter „Shitstorm“ – also eine Welle negativer Nachrichten oder Kommentare – über einen Schauspieler, Showmaster, Politiker oder einen Fußballmanager hereinbrach. Einige haben gewiss auch schon Bekanntschaft mit einem „Online-Troll“ gemacht: Diese Gesellen lieben es, im Netz destruktive Kommentare zu hinterlassen und sie versuchen, jede sinnvolle, sachliche Diskussion zu verhindern. Sie provozieren, diffamieren, intrigieren – und sind meist in mehreren Medien zugleich unterwegs.

Nach einer Studie vom „Bündnis gegen Cybermobbing e.V.“ aus dem Jahr 2013 gab etwa jeder fünfte Schüler in Deutschland (17%) an, schon einmal Opfer von Cybermobbing-Attacken gewesen zu sein. Etwa genau so viele (19%) bekannten sich dazu, bereits als Täter agiert zu haben. Doch Cybermobbing nimmt laut der Studie nicht nur unter Jugendlichen zu: Auch unter Erwachsenen ist es inzwischen ein deutliches Problem. Dabei finden die Mobbing-Attacken in den häufigsten Fällen in sozialen Netzwerken oder Chatrooms statt.

Was ist nun eigentlich der Unterschied zwischen Trolling („ködern“) und Mobbing („belästigen“, „anpöbeln“)? Trolle treiben ihr Unwesen normalerweise anonym. Sie kennen ihre Opfer nicht persönlich und lassen ihre Hass- oder Schmutztiraden häufig los, um zu provozieren und ihre Opfer zu „ködern“, damit sie sich zu unbedachten Äußerungen hinreißen lassen. Zwischen Mobbingopfern und -tätern gibt es dagegen häufig eine persönliche Verbindung im familiären Umfeld, im Freundeskreis oder es handelt sich um Mitschüler.

Die Formen des Cybermobbing sind vielfältig. Am häufigsten kommt es zu Beschimpfungen und Beleidigungen, gefolgt von Lügen, Hänseleien und der Verbreitung von Gerüchten. Die Opfer werden aber auch unter Druck gesetzt bis hin zu Erpressung und Bedrohung. Eine weitere Strategie ist die Veröffentlichung von diffamierenden und peinlichen Fotos oder Videos, die teils manipuliert bzw. gefälscht sind.

Cybermobbing – „Es war wie eine Welle!“

Abbildung 1: © Jürgen Fälchle – Fotolia.com

„Es war wie eine Welle“, berichtet die 17-jährige Maja von ihrer Mobbing-Erfahrung. „Sie kam einfach über mich, ich konnte mich nicht wehren. Die Welle hat mich mit großer Kraft sozusagen unter Wasser gedrückt und so lange unten gehalten, bis ich nicht mehr atmen konnte… So lange, bis ich fast tot war…“ Mit ruhiger, klarer Stimme erzählt Maja von ihrer ersten großen Liebe: Thomas. Vor über einem Jahr hatte sie sich in ihn verliebt. Dann nach nur sechs Monaten trennte sie sich von ihm. „Es passte einfach nicht“, erklärt Maja. Ein paar Wochen später las sie in einem Onlineforum ihre neuen Spitznamen: „Schlampe“ und „Nutte“ waren nur einige davon. Später hörte sie auch auf dem Schulhof ihre Mitschüler tuscheln. Einige fragten sie ganz direkt, wie und wo genau sie mit Thomas Sex hatte und ob sie es immer so heftig treibe wie in dem Video, das auf Youtube kursierte und den Gerüchten im Netz zufolge sie und Thomas beim Sex zeigte. Am Anfang versuchte Maja, einfach alles zu ignorieren, denn schließlich war nicht sie in dem Video zu sehen sondern ein Mädchen, das ihr sehr ähnlich sieht. Sie glaubte, dass sich der Sturm wieder legen und sich die Wellen von allein glätten würden. Doch das Gegenteil war der Fall: Es wurde schlimmer – so schlimm, dass Maja sich nicht mehr aus dem Haus traute. In ihrem Facebook- Account tauchten immer häufiger anzügliche Bemerkungen auf, einige Männer fragten sie dort auch ganz direkt, ob sie auch mal mit ihnen Sex haben würde. Maja war verzweifelt. Sie konnte dem Mobbing einfach nicht mehr entkommen. Ganz egal, wo sie auch war: Der Mob war schneller. Morgens wurde sie in der Schule fertiggemacht, abends im Netz.

Die Folgen für die Opfer solcher Cybermobbing-Attacken sind vielfältig. Möglich sind Selbstwerteinbrüche, Angst vor der Schule, psychosomatische Beschwerden, Depressionen und soziale Isolation. In schlimmen Fällen kann es zu Essstörungen, selbstverletzendem Verhalten und Selbstmordabsichten kommen.

Wichtig: Opfer sind nicht wehrlos!

Was kann man tun, um sich vor Cyber-Diffamierungen zu schützen? Die vielleicht wichtigste Regel lautet zunächst: Gehen Sie online vorsichtig und sparsam mit Ihren persönlichen Daten und Fotos um. Machen Sie sich nicht angreifbar, indem Sie zu viel von sich preisgeben. Vermeiden Sie unbedachte emotionale Äußerungen, zu denen man sich im Ärger oder im Streit schon mal hinreißen lässt. Denken sie immer daran: Einmal ins Netz gestellt, ist die Information, der Kommentar oder das Foto nicht mehr rückholbar. Ihre eigenen Beiträge können Sie zwar wieder entfernen, aber in den Köpfen der Menschen, die den Beitrag schon gesehen oder sogar heruntergeladen haben, gibt es keine Delete-Taste!
Mobbing ist eine Verletzung der Seele und löst bei jugendlichen Opfern tiefe Schamgefühle aus. So reagieren sie mit Rückzug und Flucht. Sie schaffen es nicht, darüber zu sprechen, sondern verschließen sich. Aber ist der Mobbing-Sturm erst einmal losgebrochen, hilft genau das Gegenteil: schnell reagieren und sich offen wehren, sonst verbreiten sich Gerüchte und Anschuldigungen wie ein Lauffeuer. Schüler holen sich aber oft keine Hilfe bei ihren Eltern, weil sie Angst haben, dass diese überstürzt reagieren und Kontakt zu den Eltern des Täters oder zum Täter selbst aufnehmen, was dem Opfer peinlich ist. Helfen können hier Beratungs- und Anlaufstellen für Eltern und Kinder, wie zum Beispiel die Mobbing-Zentralen bei www.juuuport.de und www.girlspace.de. Auch soziale und kirchliche Institutionen bieten Unterstützung an. Möglich ist ebenso, dass man bei den Online-Plattformen selbst Hilfe sucht. Allerdings ist es teilweise langwierig und nervenaufreibend, bis die Facebook-Mitarbeiter reagieren und beleidigende Beiträge aus dem Netz nehmen. Ähnlich sieht es auch mit diffamierenden Rezensionen der Trolle in Online-Shops aus. Auch hier kann man solche zwar melden, doch meist wird mit dem Hinweis auf die „Kundenfreiheit“ abgewiegelt: Der Kunde soll ermutigt werden, ehrlich und kritisch seine Meinung zu sagen.

Leider gibt es bis heute auch kein eigenes Gesetz gegen Cybermobbing, jedoch können bestimmte Fälle strafrechtlich verfolgt werden, so beispielsweise das Filmen von Gewalttätigkeiten gegen eine Person (StGB, § 131 Gewaltdarstellung), Morddrohungen oder Drohungen mit Körperverletzung (StGB, § 240 Nötigung), Psychoterror durch beleidigende SMS oder Emails (StGB, § 238, Nachstellung) oder das Online-Stellen von intimen Fotos (StGB, § 201, Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches). Entscheidet sich das Opfer dafür, den Rechtsweg zu gehen, ist es wichtig, Beweise zu sichern, Screenshots anzufertigen und zu versuchen, das Cybermobbing in zeitlicher Abfolge oder mithilfe von Zeugen zu dokumentieren.

Wer sind Mobber und Trolle wirklich? Was treibt sie an?

Abbildung 2: © Dominique LUZY – Fotolia. com

Gemobbt wird aus verschiedenen Motiven heraus. Über die Hälfte der Jugendlichen, die selbst jemanden gemobbt haben, nannten in der Studie des „Bündnis gegen Cybermobbing e.V.“ Spaß oder Langeweile als Ursache. Über ihre tieferen Beweggründe schienen sie sich nicht im Klaren zu sein. Deutlich wurde in der Studie auch, dass Täter- und Opferstatus fließend ineinander übergehen können.

Mehr als ein Drittel der Täter war selbst schon einmal Opfer einer Cybermobbing-Attacke. Hier führt ein negativer Lerneffekt dazu, dass mit gleichen Mitteln zurückgeschlagen wird. Cyber- Mobber wollen Macht ausüben, die sie im richtigen Leben nicht haben und suchen sich häufig „leichte“ Opfer mit geringem Selbstwert aus, die schwach und wehrlos erscheinen. Es werden aber auch Opfer ausgewählt, die spezielle Eigenschaften wie Erfolg, soziale Anerkennung oder Fachkenntnisse haben, die die Täter selbst gern hätten. Manchmal erinnert ein Opfer sie an ihre eigenen Unzulänglichkeiten und die Mobber sehen sich dadurch in ihrem Selbstwertgefühl bedroht. Häufig fühlen sie sich auch erst in Gruppen stark und unangreifbar und gehen dann gemeinsam auf ihre vermeintlich schwachen Opfer los. Täter, die beim Gruppenmobbing mitmachen, sind häufig unsichere, ängstliche und vermeidende Persönlichkeiten.

Hinzu kommt, dass aufgrund der Anonymität im Internet die Hemmschwelle, andere zu attackieren, erheblich geringer ist, denn man wird nicht mit einer direkten Reaktion konfrontiert und muss sich nicht damit auseinandersetzen, was das eigene Verhalten in der anderen Person auslöst. Möglicherweise geht der Cyber-Generation das Gefühl verloren, dass man es mit fühlenden Menschen zu tun hat – und nicht mit Figuren aus Computer-Spielen, die man beliebig oft verletzen und zerstören kann, da sie immer wieder neu geladen werden.

Auch zur Persönlichkeit von „Online-Trollen“ gibt es inzwischen Studien. Forscher befragten Studienteilnehmer, wie viel Zeit sie im Durchschnitt täglich aktiv in Kommentarbereichen von Internetmedien verbrachten – und was sie dort taten. Die Teilnehmer konnten etwa angeben, ob sie dort mit Freunden kommunizierten, ein Posting oder einen Artikel mit Unbekannten diskutieren wollten oder ob sie vor allem Spaß daran hatten, sinnlos zu provozieren. Außerdem mussten sie eine Reihe von Persönlichkeitstests absolvieren. Im Ergebnis zeigte sich, dass „Online-Trolle“ Anzeichen von Sadismus, Psychopathie und Narzissmus zeigten. Sie hatten große Freude daran, andere zu manipulieren und zu verletzen. Außerdem waren sie rachsüchtig, gefühlskalt und von sich selbst eingenommen.

Jeder Täter ist zugleich Opfer

Ganz egal, ob Sie in einem Shitstorm feststecken, gemobbt oder von einem Troll beleidigt werden: Versuchen Sie, einen unverstellten Blick auf die Gründe dafür zu bekommen. Gerade wenn Sie Mobbing oder Troll-Attacken schon eine Weile erleben und Ihr Selbstbewusstsein bereits angegriffen ist, ist es oftmals schwer, sich nicht mit Selbstvorwürfen zu quälen, sondern nach den Motiven des Täters zu fragen. Halten Sie sich dabei stets vor Augen, dass jeder Täter zugleich auch Opfer ist. Nicht nur, dass ein Drittel bereits selbst Cybermobbing-Opfer war – die Täter sind auch Opfer ihrer eigenen Unzulänglichkeiten, Opfer ihrer psychopathologischen Persönlichkeitszüge sowie Opfer ihrer Ängste und Unsicherheiten. Nicht selten haben sie bereits selbst eine Reihe von Demütigungen erlitten und versuchen, diese Erlebnisse durch Mobbing- Attacken zu kompensieren. Stellen Sie sich vor, wozu Alltagssadisten – wie Trolle und Mobber – sonst in der Lage wären, wenn sie dieses Ventil über das Internet nicht bekämen. Die Tatsache, dass Menschen, die sich als Mobber oder Troll im Netz tummeln, ein Ventil für ihre destruktive Energie haben, die andere zumindest physisch unverletzt lässt, ist natürlich kein Trost für die Opfer – sie ist jedoch nicht von der Hand zu weisen.

Es gibt immer einen Ausweg!

Was auch immer es ist, das Ihren Mobber oder Troll motiviert und bewegt: Denken Sie daran, dass es immer einen Ausweg gibt, ganz egal wie aussichtslos Ihre derzeitige Situation auch erscheint. Zögern Sie nicht, sich Hilfe zu holen! Ziehen Sie Ihre Eltern, Freunde oder Lehrer ins Vertrauen, suchen Sie Unterstützung bei einer der Hilfsorganisationen oder holen Sie sich rechtlichen Beistand – aber wehren Sie sich! Seien Sie überzeugt, dass Sie die Kraft und die Möglichkeit haben, das zu ändern und zu beenden, was Ihnen widerfährt. Nehmen Sie den Kampf um Ihre Würde in die eigenen Hände und lassen Sie sich helfen!

Mehr Informationen finden Sie unter:

http://www.buendnis-gegen-cybermobbing.de/mobbingstudie/

 

Twitter, Facebook ...

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.

Eigentümer und Herausgeber: Anke Pohl www.ethiker.com Das Copyright für veröffentlichte Publikationen, Objekte und Inhalte der Webseite verbleibt bei den Eigentümern.
Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle wird keine Haftung für die Inhalte externer Links übernommen. © www.ethiker.com
SSL Zertifikate

buero